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Notizen/Deutsch/D 1 - Zuhören und Sprechen
AT · Matura

D 1 - Zuhören und Sprechen

Mündliche Kompetenzen der AHS-Oberstufe: aktives Zuhören, eigenständiges Sprechen, Diskussions- und Argumentationsfähigkeit. Diese Kompetenzen sind Grundlage für die mündliche Reifeprüfung und für die schriftliche Argumentation gleichermaßen.

6 Abschnitte·~24 Min Lesezeit·3 Kompetenzen·Stand 06/2026

T·0111 / 13
Prüfungsprofil
D-Z-1 · Komplexen mündlichen Beiträgen folgen, Hauptaussagen und Argumentationsmuster erkennenD-SP-2 · Sich situations- und adressatengerecht mündlich ausdrückenD-SP-3 · An Diskussionen aktiv und konstruktiv teilnehmen
Tiefe

Lesetiefe: Vertiefung

Schrift

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Inhalt · 6 Abschnitte▾
  1. D 1 - Zuhören und Sprechen
    • 01Aktives Zuhören und Mitschreiben○
    • 02Argumentationsstrukturen mündlich erkennen◐
    • 03Diskussionskultur und Streitkompetenz◐
    • 04Präsentationen halten - vom Konzept zur Live-Performance◐
    • 05Konstruktives Feedback geben und annehmen○
    • 06Spontanes Sprechen planen - die fünf Produktionsstufen◐

6 Abschnitte · 30 Merksätze · 0 Formeln · 30 Fehlerwarnungen

§ 01
§ 01

Aktives Zuhören und Mitschreiben#

~4 Min Lesezeit●○○BasisLPD-Z-1.1LPD-Z-1.2

Kernpunkte

Aktives Zuhören ist eine Kompetenz mit drei getrennten Leistungen, die sich nacheinander erbringen lassen: den Hauptgedanken erfassen, die Argumentationsstruktur erkennen (These, Argument, Gegenposition) und daraus die Sprecherabsicht ableiten. zeigt mit dem Vier-Seiten-Modell, warum die dritte Leistung nicht selbstverständlich ist — jede Äußerung trägt zugleich eine Sach-, eine Selbstkundgabe-, eine Beziehungs- und eine Appellebene, und nur die erste steht wörtlich im Gesagten.

Vier-Seiten-Modell (Schulz von Thun)

Vier-Seiten-ModellBaumdiagramm, 4 Pfade, Daten: Sachinhalt → Worüber ich informiere; Selbstoffenbarung → Was ich von mir zeige; Beziehung → Was ich von dir halte; Appell → Was ich erreichen willSachinhaltSelbstoffenbarungBeziehungAppellNachrichtWorüber ich informiereWas ich von mir zeigeWas ich von dir halteWas ich erreichen will
Abb. 1Jede Nachricht enthält vier Seiten: Sachinhalt, Selbstoffenbarung, Beziehung und Appell. Der Sender spricht mit „vier Schnäbeln", der Empfänger hört mit „vier Ohren".
Abb. 1 ↓
Notizen entstehen in einer Spalten- oder Cornell-Struktur: links Stichworte aus dem Gehörten, rechts die eigene Reaktion — Frage, Anmerkung, Anschlussgedanke. Die Trennung ist funktional, nicht formal: Sie hält auseinander, was gesagt wurde, und was Ihnen dazu einfällt. Genau diese Trennung ist es, die eine Rückfrage später präzise macht statt bloß gesprächig.
Diskursmarker sind das hörbare Gerüst der Argumentation: „zunächst", „darüber hinaus", „andererseits", „einschränkend gilt", „abschließend lässt sich festhalten". Wer sie mitschreibt statt jedes Wort, protokolliert die Kette statt der Wörter — und kann eine zehnminütige Ausführung anschließend in acht Stichpunkten wiedergeben.
Paraphrasieren ist die Prüfmethode des Zuhörens: Geben Sie das Gehörte in eigenen Worten wieder. Gelingt das nicht, haben Sie nicht verstanden — und das ist eine wertvolle Information, weil sie noch im Gespräch korrigierbar ist. Im Deutschunterricht ist die Paraphrase deshalb kein Höflichkeitsritual, sondern eine Diagnose.
Aktives Zuhören ist sichtbar: Mimik, Notiz und gezielte Rückfrage sind Hörhandlungen, die das Gegenüber wahrnimmt. In der Diskussion honoriert eine Prüfungskommission ausdrücklich, dass ein Beitrag an den Vorredner anschließt — der Anschluss ist nur möglich, wenn zugehört wurde, und er beweist es zugleich.
Die Ebenen des Vier-Seiten-Modells lassen sich einzeln abfragen: Was ist die Sachaussage? Was gibt die sprechende Person über sich preis? Wie definiert sie das Verhältnis zu den Zuhörenden? Wozu will sie bewegen? Missverständnisse entstehen fast immer dort, wo Sender und Empfänger auf verschiedenen Ebenen hören — und genau dort setzt die klärende Rückfrage an.

Vokabeln

→ Kartei
  • Aktives ZuhörenHören als Handlung: Hauptgedanke erfassen, Struktur erkennen, Absicht ableiten.
  • Vier-Seiten-ModellSchulz von Thun: jede Äußerung trägt Sach-, Selbstkundgabe-, Beziehungs- und Appellebene.
  • DiskursmarkerSignalwort, das einen Argumentationsschritt markiert (zunächst, andererseits).
  • Cornell-NotizZweispaltige Mitschrift: links Gehörtes, rechts eigene Reaktion.
  • ParaphraseWiedergabe in eigenen Worten; zugleich Prüfmethode des Verstehens.
  • SprecherabsichtWozu die Äußerung bewegen soll - die Appellebene der Botschaft.
Musterbeispiel

Vier-Seiten-Analyse eines Diskussionsbeitrags

Ein Mitschüler sagt in einer Klassendiskussion: "Es bringt doch nichts, jetzt noch über Klimapolitik zu streiten - meine Generation wird es sowieso ausbaden." Analysiere die vier Botschaftsebenen nach Schulz von Thun.

  1. 01Sachinhalt

    "Politische Klimadebatten haben keinen praktischen Nutzen mehr." - Die behauptete Wirkungslosigkeit politischer Streitkultur.

  2. 02Selbstoffenbarung

    "Ich bin frustriert und fühle mich machtlos." - Der Sprecher offenbart Resignation und Generationenbewusstsein.

  3. 03Beziehung

    "Ich rechne mit dir nicht als ernstzunehmender Mitdiskutantin, weil die Debatte sowieso zwecklos ist." - Implizite Abwertung der Mitdiskussionspartner.

  4. 04Appell

    "Hör auf, mir mit Klimaargumenten zu kommen / Stelle dich solidarisch zu meiner Generation." - doppelter Appell, je nach Adressatengruppe.

Ergebnis: Die richtige Antwortebene hängt davon ab, welche Botschaft du adressierst: Sachebene (Faktenargument), Selbstoffenbarung (Empathie + sachliche Aufmunterung), Beziehung (Klärung), Appell (Verhandeln). Wer nur auf der Sachebene antwortet, verfehlt oft die eigentliche Mitteilung.

Schritt-für-Schritt Erklärung3 Schritte
  1. 1

    Aktives Zuhören ist eine Prüfungsdisziplin - nicht eine angeborene Fähigkeit.

    Vier-Seiten-Modell (Schulz von Thun)

    Vier-Seiten-ModellBaumdiagramm, 4 Pfade, Daten: Sachinhalt → Worüber ich informiere; Selbstoffenbarung → Was ich von mir zeige; Beziehung → Was ich von dir halte; Appell → Was ich erreichen willSachinhaltSelbstoffenbarungBeziehungAppellNachrichtWorüber ich informiereWas ich von mir zeigeWas ich von dir halteWas ich erreichen will
    Abb.Jede Nachricht enthält vier Seiten: Sachinhalt, Selbstoffenbarung, Beziehung und Appell. Der Sender spricht mit „vier Schnäbeln", der Empfänger hört mit „vier Ohren".
  2. 2

    Strukturiere deine Notizen in zwei Spalten: links Stichwort, rechts deine eigene Reaktion oder Frage.

  3. 3

    Prüfe dein Verständnis durch Paraphrase - wenn du das Gehörte nicht in eigenen Worten wiederholen kannst, hast du etwas verpasst.

SRDP-Aufgaben

SelbsttestAus der Fragenbank16 Punkte

Aufgabenstellung

In der mündlichen Reifeprüfung wird Ihnen ein dreiminütiger Diskussionsauszug zur Debatte um die Gendersprache vorgespielt. Fassen Sie die zentralen Positionen und Argumente der drei Diskussionsteilnehmer:innen zusammen und beurteilen Sie die Argumentationsqualität anhand der Kriterien Stringenz, Beleg und Adressatenorientierung.

Maturafokus

  • Fasse den Hauptgedanken eines gehörten Beitrags in zwei Sätzen zusammen und benenne die Sprecherabsicht.
  • Analysiere einen gehörten Diskussionsbeitrag nach den vier Ebenen des Vier-Seiten-Modells.
  • Paraphrasiere eine fremde Position, bevor du widersprichst - das signalisiert Argumentationsdisziplin.
  • In der mündlichen Reifeprüfung wird zugehörtes Material (Diskussionsbeitrag, kurze Audio-Quelle) in die Aufgabenstellung integriert - aktives Zuhören ist punkterelevant.
  • In der Diskussionsprüfung honoriert die Kommission das Aufgreifen und Weiterführen des Vorredners ausdrücklich.

Typische Fehler

  • Nur die ersten dreißig Sekunden zugehört und auf die eigene Vorbereitung vertraut - die Anschlussfrage wird dann nicht beantwortet.
  • Notizen in vollständigen Sätzen gemacht; das Mitschreiben hängt hinterher und der Anschluss geht verloren. Besser: Schlagworte und Pfeile.
  • Die Diskussion als Gelegenheit zur Selbstdarstellung verstanden - der Bezug zum Vorredner fehlt.
  • Nur die Sachebene gehört; Appell und Beziehungsebene werden überhört, und die Antwort geht am Anliegen vorbei.
  • Die Rückfrage erst am Ende gestellt, wenn das Missverständnis den ganzen Beitrag schon verfärbt hat.

§ 01

Aktive Wiederholung

Höre dir ein 10-minütiges Interview mit einer Autorin/einem Autor an (zB Ö1 "Im Gespräch") und protokolliere in 8 Stichpunkten: Hauptthese, drei Argumente, eine Gegenposition, zwei Beispiele, eine offene Frage.

Passende Aufgaben üben50 Fragen zum Thema→

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: AHS-Lehrplan Deutsch (Oberstufe) (BMBWF / RIS) · Schulz von Thun: Miteinander reden 1 - Störungen und Klärungen (Schulz von Thun Institut)

§ 02
§ 02

Argumentationsstrukturen mündlich erkennen#

~4 Min Lesezeit●●○StandardLPD-Z-1.3LPD-SB-3.2

Kernpunkte

Jede Argumentation hat eine Tiefenstruktur aus drei Schichten: Behauptung (These), Grund (Argument) und Stützung (Beleg). zeigt diesen Baum. Wer die Schichten mündlich heraushört, kann jede Position rekonstruieren — auch dann, wenn sie unstrukturiert vorgetragen wird, weil die Schichten sich am Sprachmaterial erkennen lassen und nicht an der Reihenfolge.

Argumentationsbaum - These, Argument, Beleg

ArgumentationsbaumBaumdiagramm, 6 Pfade, Daten: Argument 1 → Beleg; Argument 1 → Beispiel; Argument 2 → Studie; Argument 2 → Zitat; Argument 3 → Statistik; Argument 3 → ErfahrungArgument 1Argument 2Argument 3TheseBelegBeispielStudieZitatStatistikErfahrung
Abb. 2Hierarchische Struktur einer Argumentation: jede These wird durch Argumente, jedes Argument durch Belege gestützt. Aus den geprüften Argumenten folgt die begründete Schlussposition.
Abb. 2 ↓
Das Toulmin-Modell (1958) verfeinert dieses Schema um drei Bestandteile, die im Alltag meist unausgesprochen bleiben: die Schlussregel (warrant), die erklärt, warum das Datum die These stützt; die Stützung (backing) der Schlussregel selbst; und den Modaloperator samt Einschränkung, der die Reichweite der These begrenzt. Für den Schulgebrauch genügt These–Argument–Beleg, aber die Schlussregel ist fast immer der entscheidende implizite Schritt.
Argumenttypen lassen sich benennen, und das Benennen ist selbst eine Prüfungsleistung: Faktenargument (empirisch belegt), Autoritätsargument (Berufung auf eine Instanz), Plausibilitätsargument (logisch einleuchtend), Wertargument (moralisch begründet), analogisches Argument (Vergleich mit einem ähnlichen Fall) und indirektes Argument (Widerlegung der Gegenposition).
Jeder Typ hat seine eigene Angriffsfläche, und darin liegt der praktische Nutzen der Typologie: Ein Faktenargument prüft man an der Datenlage, ein Autoritätsargument an der Zuständigkeit der Instanz, ein Analogieargument an der Vergleichbarkeit der Fälle, ein Wertargument an der Frage, ob der Wert geteilt wird. Wer den Typ erkennt, weiß, wo die Erwiderung ansetzen muss.
Fehlschlüsse sind erkennbare Muster: ad hominem (Angriff auf die Person statt die Sache), Strohmann (verzerrte Wiedergabe der Gegenposition), falsches Dilemma (nur zwei Optionen dargestellt), Zirkelschluss (die These stützt sich selbst), Dammbruchargument (eine Kette unbelegter Folgen) und die Verallgemeinerung eines Einzelfalls. Diese sechs decken den größten Teil der öffentlichen Debatte ab.
Ironie und Mehrdeutigkeit verlangen doppeltes Zuhören: Was ist gesagt, und was ist gemeint? Im Prüfungsalltag entscheidet das besonders bei Kabarettausschnitten und satirischen Texten. Die Gegenprobe ist einfach — passt die wörtliche Lesart zur erkennbaren Haltung der sprechenden Person? Wenn nicht, ist die Aussage ironisch gemeint.

Vokabeln

→ Kartei
  • TheseZu begründende Behauptung; die oberste Schicht der Argumentation.
  • SchlussregelToulmins warrant: die meist unausgesprochene Brücke von Beleg zu These.
  • AutoritätsargumentBerufung auf eine Instanz; angreifbar über deren Zuständigkeit.
  • StrohmannFehlschluss: die Gegenposition wird verzerrt wiedergegeben und dann widerlegt.
  • Falsches DilemmaFehlschluss: nur zwei Optionen werden dargestellt, obwohl mehr bestehen.
  • DammbruchargumentFehlschluss: eine Kette unbelegter Folgen aus einem ersten Schritt.
Musterbeispiel

Toulmin-Schema an einem Beispiel

Eine Politikerin sagt: "Weil die Mieten in Wien um 9,2 % gestiegen sind, brauchen wir einen Mietendeckel - in Berlin hat das funktioniert."

  1. 01These (Behauptung)

    "Wir brauchen einen Mietendeckel."

  2. 02Daten (Grund)

    "Die Mieten in Wien sind um 9,2 % gestiegen."

  3. 03Schlussregel (warrant)

    Implizit: "Wenn Mieten stark steigen, ist ein gesetzlicher Deckel die wirksamste Maßnahme." (Genau hier sitzt die Angriffsfläche.)

  4. 04Stützung (backing)

    "In Berlin hat das funktioniert." (Prüfbar - und faktisch zweifelhaft: Das Bundesverfassungsgericht erklärte den Berliner Mietendeckel am 25.3.2021 für nichtig, weil dem Land Berlin die Gesetzgebungskompetenz fehlte (der Bund hat das Mietpreisrecht in den Paragrafen 556-561 BGB abschließend geregelt). Die Maßnahme hat in Berlin also gerade NICHT dauerhaft funktioniert - die Stützung ist damit faktisch falsch.)

  5. 05Modaloperator

    Fehlt im Beispiel - die Politikerin behauptet absolut, statt zu sagen "wahrscheinlich" oder "unter bestimmten Bedingungen". Das ist ein Schwachpunkt.

  6. 06Einschränkung

    Fehlt komplett - keine Differenzierung nach Stadtteil, Einkommensgruppe, Wohnungsgröße.

Ergebnis: Die Argumentation ist auf den ersten Blick stark (Zahlen, Beispiel), bei genauerer Analyse schwach: die Schlussregel ist nicht offen gelegt, die Stützung ist faktisch falsch, Einschränkungen fehlen. Ein guter Gegenredner adressiert genau die Schlussregel.

Schritt-für-Schritt Erklärung3 Schritte
  1. 1

    Jedes Argument hat eine sichtbare und eine unsichtbare Schicht - die Schlussregel ist meist unsichtbar.

  2. 2

    Prüfe Argumente nach Typ: Fakt, Autorität, Plausibilität, Wert, Analogie, Widerlegung.

  3. 3

    Sieben klassische Fehlschlüsse kannst du auswendig lernen - sie wiederholen sich in fast jeder öffentlichen Debatte.

SRDP-Aufgaben

SelbsttestAus der Fragenbank16 Punkte

Aufgabenstellung

Im Ausschnitt aus der ORF-Sendung "Pressestunde" mit einem Regierungsmitglied identifizieren Sie drei Argumente für die geplante Bildungsreform. Bestimmen Sie den Argumenttyp und beurteilen Sie die Tragfähigkeit jedes Arguments. Decken Sie mindestens einen Fehlschluss auf.

Maturafokus

  • Analysiere einen Argumentationsdialog und bestimme für jedes Argument den Typ (Fakten-, Autoritäts-, Wert-, Analogieargument).
  • Untersuche eine Argumentation auf ihre implizite Schlussregel und beurteile, ob sie trägt.
  • Benenne Fehlschlüsse (ad hominem, Strohmann, falsches Dilemma) und begründe, worin der Fehler liegt.
  • In der Diskussionsprüfung reicht Reagieren nicht - ordne Argumente typologisch ein und leite daraus deine Erwiderung ab.
  • Erschließe die Sprecherabsicht eines ironischen Beitrags und begründe sie am Sprachmaterial.

Typische Fehler

  • Argumenttypen verwechselt: ein anekdotisches Beispiel wird als Faktenargument behandelt, eine moralische Wertung als logischer Schluss.
  • Ironie nicht erkannt und die Aussage wörtlich zitiert - besonders folgenreich bei der Kabarettanalyse.
  • Die Schlussregel nicht hinterfragt: "Studien zeigen X, daher gilt Y" wird akzeptiert, ohne den Schluss zu prüfen.
  • Den Fehlschluss benannt, aber nicht erklärt, worin er besteht - die Benennung allein ist noch keine Analyse.
  • Beleg und Argument gleichgesetzt; eine Zahl ohne die Aussage, die sie stützen soll, ist kein Argument.

§ 02

Aktive Wiederholung

Höre dir einen 5-minütigen Ausschnitt aus der ORF-Sendung "Im Zentrum" an und identifiziere für zwei Diskutanten je drei Argumente. Bestimme den Typ jedes Arguments und benenne mindestens einen Fehlschluss.

Passende Aufgaben üben50 Fragen zum Thema→

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: Toulmin: The Uses of Argument (1958, dt. 1996) (Suhrkamp) · Duden Sprachwissen - Sprachratgeber (Duden)

§ 03
§ 03

Diskussionskultur und Streitkompetenz#

~5 Min Lesezeit●●○StandardLPD-SP-2.4LPD-SP-3.1LPD-SP-3.2

Kernpunkte

Diskussion ist nicht Streit, sondern strukturierter Austausch zur Klärung einer Frage. Das Ziel ist nicht der Sieg, sondern eine gemeinsame oder wenigstens begründete Position — auch das ausdrückliche Festhalten an der Differenz ist ein legitimes Ergebnis. zeigt die Argumentstruktur, die dabei zwischen den Beteiligten wandert.

Argumentationsbaum - These, Argument, Beleg

ArgumentationsbaumBaumdiagramm, 6 Pfade, Daten: Argument 1 → Beleg; Argument 1 → Beispiel; Argument 2 → Studie; Argument 2 → Zitat; Argument 3 → Statistik; Argument 3 → ErfahrungArgument 1Argument 2Argument 3TheseBelegBeispielStudieZitatStatistikErfahrung
Abb. 3Hierarchische Struktur einer Argumentation: jede These wird durch Argumente, jedes Argument durch Belege gestützt. Aus den geprüften Argumenten folgt die begründete Schlussposition.
Abb. 3 ↓
Die Gesprächsformen unterscheiden sich nach Vorbereitung und Moderation: die Pro-Kontra-Debatte im Karl-Popper-Format (feste Rollen, feste Redezeiten), die Fishbowl (Innenkreis diskutiert, Außenkreis hört zu und rückt nach), die Podiumsdiskussion (Moderation lenkt), der Stuhlkreis (offen, gleichberechtigt) und das Streitgespräch (zwei Positionen, keine Synthese erwartet).
Jede Diskussion durchläuft vier Phasen, und das Überspringen der ersten ist der häufigste Strukturfehler: Eröffnung (Klärung, worüber überhaupt gestritten wird), Positionierung (Standpunkte benennen), Argumentation (Pro und Kontra entfalten), Synthese (Gemeinsames festhalten oder die Differenz begründet stehen lassen).
Die Gesprächsmaximen nach Grice (1975) beschreiben, was ein kooperativer Beitrag leistet: Quantität (so viel wie nötig, nicht mehr), Qualität (nichts Unbelegtes behaupten), Relation (beim Thema bleiben), Modalität (klar und eindeutig formulieren). Sie sind keine Höflichkeitsregeln, sondern Bedingungen dafür, dass ein Gespräch überhaupt zu einem Ergebnis führen kann.
Konstruktive Reaktionsmuster lassen sich als Kette lernen: aufgreifen („Sie haben gesagt, dass …"), würdigen („das ist ein berechtigter Punkt"), differenzieren („allerdings gilt das nur, solange …"), eigene Position ergänzen. Diese Reihenfolge ist wirksam, weil sie den Widerspruch erst zulässt, nachdem sie das Verstehen bewiesen hat.
Destruktive Muster sind ebenso benennbar und deshalb vermeidbar: der Angriff auf die Person, der Strohmann, die Endlosrede, der Themawechsel und das Unterbrechen. Sie kosten in der Prüfung doppelt — sie schwächen die eigene Argumentation und verletzen zugleich die ausdrücklich bewertete Gesprächskompetenz.

Vokabeln

→ Kartei
  • Karl-Popper-FormatDebattenformat mit festen Rollen und Redezeiten.
  • FishbowlDiskussionsform: Innenkreis spricht, Außenkreis hört zu und rückt nach.
  • GesprächsmaximenGrice 1975: Quantität, Qualität, Relation, Modalität.
  • SyntheseVierte Diskussionsphase: Gemeinsames festhalten oder Differenz begründen.
  • Ad hominemAngriff auf die Person statt auf die Sache.
  • StreitkompetenzFähigkeit, Widerspruch sachlich und anschlussfähig zu formulieren.
Musterbeispiel

Dialektische Erörterung - Pro/Kontra-Plan in 8 Minuten

Plane eine dialektische Erörterung zur Frage "Soll der Gratiseintritt in österreichischen Bundesmuseen für alle bis 19 Jahre erhalten bleiben?". Wortumfang 540-660. Beilage: Kommentar pro Erhalt und Statistik der Besucherzahlen 2020-2024.

  1. 01Leitfrage zuspitzen

    Ja/Nein-Frage in eine differenzierte Leitfrage übersetzen: "Welche bildungspolitischen und finanziellen Argumente sprechen für/gegen die Beibehaltung des Gratiseintritts?". So vermeidet der Schluss eine bloß bejahende Floskel.

  2. 02Pro-Block (3 Argumente, ca. 180 W.)

    A1: Bildungsgerechtigkeit (Beleg: Beilage zeigt Verdreifachung der unter-19-Besucher seit 2010). - A2: Demokratiebildung (Beleg: Museum als außerschulischer Lernort, Kommentar zitiert UNESCO-Studie). - A3: Geringer Steuerausfall (Beleg: ca. 5 Mio. Euro/Jahr - 0,01 % des Bundesbudgets).

  3. 03Kontra-Block (2-3 Argumente, ca. 150 W.)

    A4: Mitnahmeeffekt (Familien mit hohem Einkommen profitieren genauso wie sozial Schwache - Gießkannenprinzip). - A5: Finanzbedarf der Museen (Eintrittsausfälle könnten Investitionen in Vermittlungsprogramme blockieren). - A6 (optional): Andere Bildungsangebote würden mehr Nutzen bringen (Theater-, Konzertgutscheine).

  4. 04Abwägung (ca. 120 W.)

    Maßstab offenlegen: "Aus bildungspolitischer Perspektive wiegt A1 (Bildungsgerechtigkeit) schwerer als A4 (Mitnahmeeffekt), weil A4 durch eine einfache Einkommensbindung lösbar wäre - A1 dagegen verlangt strukturellen Zugang, der nicht über jährlich neu zu beantragende Gutscheine ersetzt werden kann."

  5. 05Synthetische Schlussposition (ca. 80 W.)

    NICHT bloß "Ja, der Gratiseintritt soll bleiben." - sondern: "Der Gratiseintritt sollte erhalten bleiben, aber mit zwei Erweiterungen: (1) zusätzliche Förderung von Vermittlungsprogrammen aus dem Kulturbudget, (2) Evaluation der Besucherzusammensetzung alle drei Jahre, um die soziale Reichweite zu prüfen." - Position + Bedingungen + Prüfkriterium.

Ergebnis: Plan in 8 Minuten erstellt: 4 Blöcke, klare Wortgrenzen, jedes Argument hat Beleg. Wichtig: Im Schlussabsatz steht IMMER eine begründete Position - "Es kommt darauf an" reicht nicht. IQS-Raster honoriert klare Schlüsse mit voller Inhaltsdimension.

Schritt-für-Schritt Erklärung3 Schritte
  1. 1

    Diskussion ist strukturierter Austausch - der Streitwert liegt im Verfahren, nicht im Sieg.

  2. 2

    Greife zuerst auf, was die Vorrednerin gesagt hat, bevor du widersprichst.

  3. 3

    Wer Gesprächsregeln einhält, wirkt souveräner als wer am lautesten spricht.

SRDP-Aufgaben

SelbsttestAus der Fragenbank16 Punkte

Aufgabenstellung

Sie nehmen an einer Schuldiskussion teil, die Frage lautet: "Soll Social-Media-Nutzung unter 16 Jahren staatlich beschränkt werden?". Formulieren Sie ein 90-Sekunden-Eingangsstatement, in dem Sie Position, zwei Argumente und ein Beispiel einbringen.

Maturafokus

  • Nimm in einer Pro-Kontra-Debatte begründet Stellung und greife dabei mindestens einen Beitrag des Gegenübers auf.
  • Erläutere die vier Phasen einer Diskussion und beurteile an einem Beispiel, welche übersprungen wurde.
  • Erkläre die Gesprächsmaximen nach Grice und zeige an einem Beitrag, welche verletzt wird.
  • Die Kommission bewertet Gesprächskompetenz eigenständig - Würdigung, Nachfrage und Präzisierung zählen, nicht nur das Argument.
  • Übertrage den dialektischen Aufbau der Diskussion auf die schriftliche dialektische Erörterung.

Typische Fehler

  • Diskussion mit Monolog verwechselt: die vorbereitete Position wird vorgetragen, ohne auf andere einzugehen.
  • Reaktionen fallen ad hominem aus ("das ist typisch für Leute, die ...").
  • Die Eröffnungsphase übersprungen - es wird argumentiert, bevor geklärt ist, worüber gestritten wird.
  • Die Synthese fehlt; das Gespräch endet, statt ein Ergebnis oder die begründete Differenz festzuhalten.
  • Die Redezeit nicht beachtet: ein zu langer Beitrag nimmt anderen die Gelegenheit und wirkt unkooperativ.

§ 03

Aktive Wiederholung

Bereite in Dreiergruppen ein 12-minütiges Karl-Popper-Format zur Frage "Soll an österreichischen Schulen ein Schulfach Glück eingeführt werden?" vor. Jede Seite hat 4 Minuten Eingangsstatement, 4 Minuten Kreuzverhör, 4 Minuten Schlussstatement.

Passende Aufgaben üben50 Fragen zum Thema→

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: Karl-Popper-Debatte - Format und Regeln (International Debate Education Association) · Grice: Logic and Conversation (1975) (University College London)

§ 04
§ 04

Präsentationen halten - vom Konzept zur Live-Performance#

~4 Min Lesezeit●●○StandardLPD-SP-2.5

Kernpunkte

Eine Präsentation arbeitet auf drei Ebenen, die getrennt vorbereitet und getrennt bewertet werden: Inhalt (Was sage ich?), Struktur (In welcher Reihenfolge?) und Auftritt (Wie wirke ich?). zeigt die Argumentstruktur, die die zweite Ebene trägt. Schwächen auf einer Ebene lassen sich durch Stärken auf einer anderen nicht ausgleichen — die Kommission bewertet sie einzeln.

Argumentationsbaum - These, Argument, Beleg

ArgumentationsbaumBaumdiagramm, 6 Pfade, Daten: Argument 1 → Beleg; Argument 1 → Beispiel; Argument 2 → Studie; Argument 2 → Zitat; Argument 3 → Statistik; Argument 3 → ErfahrungArgument 1Argument 2Argument 3TheseBelegBeispielStudieZitatStatistikErfahrung
Abb. 4Hierarchische Struktur einer Argumentation: jede These wird durch Argumente, jedes Argument durch Belege gestützt. Aus den geprüften Argumenten folgt die begründete Schlussposition.
Abb. 4 ↓
Die Pyramidenregel nach Minto kehrt die Reihenfolge des Nachdenkens um: Die wichtigste Aussage steht zuerst, dann folgt die Begründung, dann das Detail. Der verbreitete Gegenentwurf — chronologisch über den eigenen Rechercheweg zu erzählen — verschenkt die ersten Minuten und lässt die These erst dann erscheinen, wenn die Aufmerksamkeit bereits nachlässt.
Visuelle Stützung folgt einer einfachen Grenze: höchstens sechs Punkte je Folie, ein Bild oder eine Grafik statt einer Aufzählungslawine. Folien begleiten die Rede und ersetzen sie nicht — deshalb ist das Vorlesen der Folie der teuerste Präsentationsfehler: Die Zuhörenden lesen schneller, als jemand sprechen kann, und der Vortrag wird überflüssig.
Das Sprechtempo liegt in Prüfungssituationen bei etwa 110 bis 130 Wörtern pro Minute, in informellen Vorträgen bei rund 150. Pausen sind dabei kein Ausfall, sondern ein rhetorisches Mittel: Sie markieren Abschnittsgrenzen, geben Gewicht und schaffen zugleich die Atem- und Denkzeit, aus der die nächste Formulierung kommt.
Stimme und Körper tragen den Auftritt: aufrechte Haltung, Blickkontakt zu drei festen Punkten im Raum, sichtbare Hände, bewusste Gestik statt vermiedener. Diese vier lassen sich einzeln üben, und sie wirken unabhängig vom Inhalt — was sie zur verlässlichsten Reserve macht, wenn die Nervosität den Text erschwert.
Lampenfieber ist steuerbar: die 4-7-8-Atemtechnik vor dem Beginn (vier Sekunden ein, sieben halten, acht aus), die ersten dreißig Sekunden wörtlich auswendig als Verankerung, und eine Notfallstrategie für den Aussetzer — ein Schluck Wasser ist eine legitime, souverän wirkende Pause. Alle drei müssen vorher geübt sein, sonst sind sie im Ernstfall eine zusätzliche Unsicherheit.

Vokabeln

→ Kartei
  • PyramidenregelMinto: wichtigste Aussage zuerst, dann Begründung, dann Detail.
  • VisualisierungFolie oder Grafik, die die Rede stützt, ohne sie zu ersetzen.
  • SprechtempoWörter pro Minute; in Prüfungen etwa 110-130.
  • VerankerungDie wörtlich auswendig gelernten ersten dreißig Sekunden.
  • 4-7-8-AtmungAtemtechnik gegen Lampenfieber: vier ein, sieben halten, acht aus.
  • BlickkontaktAuftrittsmittel: drei feste Punkte im Raum ansehen.
Musterbeispiel

Pyramidenaufbau einer 8-Minuten-Präsentation

Du sollst zum Thema "Die Erzählperspektive in Bachmanns Roman Malina" präsentieren.

  1. 01Spitze (zentrale These, 30 Sek.)

    "Bachmanns Malina ist nicht ein Roman über eine Frau und zwei Männer, sondern ein Roman über eine zerfallende Sprecherposition - die Erzählperspektive ist der eigentliche Hauptdarsteller."

  2. 02Erste Ebene (drei Stützungen, je 1,5 Min.)

    A: Wechsel zwischen Tagebuch-Ich, Dialog und Monologisierung. - B: Doppelfigur Malina/Ivan als Aufspaltung des Selbst. - C: Schlusssatz "Es war Mord" als Konsequenz der gespaltenen Stimme.

  3. 03Zweite Ebene (Belege)

    Pro Stützung: ein Textzitat (max. 10 Sek.), eine Sekundärquelle (Böhme 2003 oder Toepperwien 2017), ein Gegenargument zur Eigenprüfung.

  4. 04Schluss (Rückbindung, 30 Sek.)

    Rückkehr zur These: "Der Roman erzählt seinen eigenen Zerfall - das ist Bachmanns radikale Innovation."

Ergebnis: Klassischer Pyramidenaufbau: 30s These + 4,5 Min Argumente + 2 Min Belege + 30s Schluss = 7,5 Min plus Pufferzeit. Folien: 5 Stück, eine pro Logik-Block. Die Kommission weiß nach 30 Sek., worauf du hinaus willst - das ist Prüfungsgold.

Schritt-für-Schritt Erklärung3 Schritte
  1. 1

    Präsentationen sind drei Ebenen gleichzeitig: Inhalt, Struktur, Auftritt.

  2. 2

    Die Pyramidenregel: wichtigste Aussage zuerst, niemals chronologisch erzählen.

  3. 3

    Folien begleiten die Rede - vorlesen ist der schlimmste Fehler.

SRDP-Aufgaben

SelbsttestAus der Fragenbank16 Punkte

Aufgabenstellung

Sie haben aus dem 24-Themen-Pool das Thema "Politische Lyrik im 20. Jahrhundert" gezogen. Präsentieren Sie in 10 Minuten den Themenbereich mit einer eigenen Schwerpunktsetzung. Beziehen Sie mindestens zwei Texte ein und stellen Sie eine Verbindung zu einer aktuellen gesellschaftlichen Frage her.

Maturafokus

  • Präsentiere in zehn Minuten ein Themengebiet aus dem Themenpool und gliedere es erkennbar nach der Pyramidenregel.
  • Erläutere den Aufbau deiner Präsentation zu Beginn in einem Satz - die Kommission bewertet die erkennbare Gliederung.
  • Verknüpfe jede zentrale Behauptung direkt mit ihrer Quelle, nicht erst auf einer Schlussfolie.
  • Setze bewusste Pausen als Gliederungssignal ein und halte ein Prüfungstempo von etwa 110-130 Wörtern pro Minute.
  • In Fachpräsentationen wird Präsentationskompetenz oft gleichgewichtig mit dem Inhalt bewertet.

Typische Fehler

  • Folien werden vorgelesen - die Zuhörenden lesen schneller, und der Vortrag wirkt monoton.
  • Die Einleitung dauert zu lange; bis zur These sind drei von zehn Minuten verstrichen.
  • Quellenangaben fehlen oder erscheinen erst am Ende statt bei der jeweiligen Behauptung.
  • Der Aufbau ist chronologisch nach dem Rechercheweg statt nach der Pyramidenregel gegliedert.
  • Die Atemtechnik wird erst am Prüfungstag zum ersten Mal probiert und wirkt deshalb nicht.

§ 04

Aktive Wiederholung

Plane eine 7-minütige Präsentation zum Thema "Die literarische Wiener Moderne - drei Schlüsselautorinnen". Erstelle eine Struktur mit Pyramidenaufbau (zentrale These zuerst), maximal 5 Folien und drei rhetorischen Mitteln (zB Anapher in der Einleitung, rhetorische Frage in der Mitte, Appell am Schluss).

Passende Aufgaben üben50 Fragen zum Thema→

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: Minto: The Pyramid Principle (1973) (Barbara Minto) · BMBWF Schreib- und Präsentationsleitfaden Deutsch (BMBWF)

§ 05
§ 05

Konstruktives Feedback geben und annehmen#

~3 Min Lesezeit●○○BasisLPD-SP-2LPD-Z-1

Kernpunkte

Konstruktives Feedback verbindet genaues Zuhören mit präzisem, wertschätzendem Sprechen und ist die Grundlage jeder Peer-Review-Arbeit im Deutschunterricht. zeigt, warum es so leicht misslingt: Eine Rückmeldung wird immer auf allen vier Ebenen zugleich gehört, und was als Sachhinweis gemeint war, kommt als Beziehungsaussage an.

Vier-Seiten-Modell (Schulz von Thun)

Vier-Seiten-ModellBaumdiagramm, 4 Pfade, Daten: Sachinhalt → Worüber ich informiere; Selbstoffenbarung → Was ich von mir zeige; Beziehung → Was ich von dir halte; Appell → Was ich erreichen willSachinhaltSelbstoffenbarungBeziehungAppellNachrichtWorüber ich informiereWas ich von mir zeigeWas ich von dir halteWas ich erreichen will
Abb. 5Jede Nachricht enthält vier Seiten: Sachinhalt, Selbstoffenbarung, Beziehung und Appell. Der Sender spricht mit „vier Schnäbeln", der Empfänger hört mit „vier Ohren".
Abb. 5 ↓
Feedback wird beschreibend formuliert, nicht wertend. Nicht „Dein Vortrag war schlecht", sondern „Der Mittelteil hatte drei Schwerpunkte, das hat den roten Faden für mich verdeckt". Die zweite Formulierung ist überprüfbar und damit brauchbar; die erste ist ein Urteil, gegen das sich nur verteidigen lässt.
Ich-Botschaften ersetzen Du-Vorwürfe: „Auf mich wirkte …" beschreibt die eigene Wahrnehmung, statt ein Pauschalurteil über die andere Person zu fällen. Der Effekt ist praktisch, nicht bloß höflich — die Abwehrreaktion des Gegenübers sinkt, und damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Rückmeldung überhaupt ankommt.
Die WWW-Struktur ordnet jede Rückmeldung in drei Schritte: Wahrnehmung (Was ist mir aufgefallen?), Wirkung (Wie hat es auf mich gewirkt?), Wunsch (Was würde ich mir künftig wünschen?). Sie zwingt zur Konkretheit, weil jeder Schritt eine bestimmte Stelle braucht — pauschales Lob scheitert an ihr genauso wie pauschale Kritik.
Ausgewogenheit heißt nicht, Lob und Kritik zu zählen, sondern beides an konkreten Stellen zu belegen. Eine benannte Stärke ist wertvoller als drei allgemeine Komplimente, weil sie zeigt, was wiederholt werden soll. Und ein Entwicklungspunkt ohne Ortsangabe ist für die empfangende Person nicht umsetzbar.
Feedback annehmen heißt zuhören, nicht rechtfertigen. Die Reihenfolge ist: erst verstehen und nachfragen — auch hier ist die Paraphrase das Werkzeug —, dann in Ruhe prüfen, was übernommen wird. Die sofortige Erklärung, warum es so gemeint war, beendet die Rückmeldung, bevor sie vollständig ist, und ist damit der häufigste Fehler auf der Empfängerseite.

Vokabeln

→ Kartei
  • WWW-StrukturWahrnehmung - Wirkung - Wunsch: das Raster konstruktiver Rückmeldung.
  • Ich-BotschaftFormulierung aus der eigenen Wahrnehmung statt als Urteil über andere.
  • Beschreibendes FeedbackBenennt Beobachtung und Wirkung statt zu bewerten.
  • Peer-ReviewWechselseitige Rückmeldung unter Lernenden.
  • EntwicklungspunktKonkret verortete Stelle mit Verbesserungsrichtung.
  • AbwehrreaktionRechtfertigung statt Aufnahme; typische Folge von Du-Vorwürfen.
Musterbeispiel

Feedback nach der WWW-Struktur

Formuliere Feedback zu einem Vortrag, dessen Schluss zu schnell und ohne Zusammenfassung endete.

  1. 01Wahrnehmung

    "Mir ist aufgefallen, dass der Schluss in etwa zwanzig Sekunden ohne zusammenfassenden Satz endete."

  2. 02Wirkung

    "Auf mich wirkte der Abschluss dadurch etwas abrupt - ich konnte die Kernaussage nicht noch einmal festhalten."

  3. 03Wunsch

    "Für das nächste Mal würde ich mir einen kurzen Schlusssatz wünschen, der die Hauptthese noch einmal bündelt."

Ergebnis: Das Feedback ist beschreibend, konkret und wertschätzend: Es benennt die Stelle (Schluss), die Wirkung (abrupt) und einen umsetzbaren Wunsch - genau die Form, die Lernen ermöglicht statt Abwehr auszulösen.

Schritt-für-Schritt Erklärung3 Schritte
  1. 1

    Konstruktives Feedback verbindet genaues Zuhören mit präzisem Sprechen.

  2. 2

    WWW-Struktur: Wahrnehmung, Wirkung, Wunsch.

  3. 3

    Beschreiben statt werten, Ich-Botschaften statt Du-Vorwürfe.

Maturafokus

  • Gib zu einem Vortrag konstruktives Feedback nach der WWW-Struktur mit mindestens einer Stärke und einem Entwicklungspunkt.
  • Erläutere den Unterschied zwischen beschreibendem und wertendem Feedback an je einem Beispiel.
  • Formuliere eine kritische Rückmeldung als Ich-Botschaft und begründe, warum das die Abwehr senkt.
  • Demonstriere, wie Feedback durch Paraphrasieren angenommen wird, ohne sich zu rechtfertigen.
  • Beurteile eine gegebene Rückmeldung daraufhin, ob sie für die empfangende Person umsetzbar ist.

Typische Fehler

  • Feedback bleibt pauschal ("war gut" / "war schlecht") ohne konkrete Stelle und ohne benannte Wirkung.
  • Du-Vorwürfe statt Ich-Botschaften lösen Abwehr aus und beenden das Gespräch.
  • Beim Annehmen wird sofort gerechtfertigt statt zugehört und nachgefragt.
  • Nur Entwicklungspunkte genannt; die Stärke fehlt, und damit die Information, was beibehalten werden soll.
  • Der Wunsch fehlt: die Rückmeldung beschreibt ein Problem, ohne eine Richtung zu geben.

§ 05

Aktive Wiederholung

Gib einer Mitschülerin oder einem Mitschüler zu einer kurzen Präsentation Feedback nach der WWW-Struktur (Wahrnehmung, Wirkung, Wunsch) mit je einer konkreten Stärke und einem Entwicklungspunkt.

Passende Aufgaben üben50 Fragen zum Thema→

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: BMBWF Schreib- und Präsentationsleitfaden Deutsch (BMBWF) · Duden Rhetorik - Gesprächsführung (Duden)

§ 06
§ 06

Spontanes Sprechen planen - die fünf Produktionsstufen#

~4 Min Lesezeit●●○StandardLPD-SP-2LPD-SP-3

Kernpunkte

Auch spontanes Sprechen folgt einem Plan. Die klassische Rhetorik beschreibt fünf Produktionsstufen — Inventio, Dispositio, Elocutio, Memoria, Actio —, und sie lassen sich auf jede Wortmeldung übertragen, auch auf eine von dreißig Sekunden. zeigt die Argumentstruktur, die dabei entsteht, erinnert daran, dass jede Wortmeldung zugleich auf vier Ebenen ankommt.

Argumentationsbaum - These, Argument, Beleg

ArgumentationsbaumBaumdiagramm, 6 Pfade, Daten: Argument 1 → Beleg; Argument 1 → Beispiel; Argument 2 → Studie; Argument 2 → Zitat; Argument 3 → Statistik; Argument 3 → ErfahrungArgument 1Argument 2Argument 3TheseBelegBeispielStudieZitatStatistikErfahrung
Abb. 6Hierarchische Struktur einer Argumentation: jede These wird durch Argumente, jedes Argument durch Belege gestützt. Aus den geprüften Argumenten folgt die begründete Schlussposition.

Vier-Seiten-Modell (Schulz von Thun)

Vier-Seiten-ModellBaumdiagramm, 4 Pfade, Daten: Sachinhalt → Worüber ich informiere; Selbstoffenbarung → Was ich von mir zeige; Beziehung → Was ich von dir halte; Appell → Was ich erreichen willSachinhaltSelbstoffenbarungBeziehungAppellNachrichtWorüber ich informiereWas ich von mir zeigeWas ich von dir halteWas ich erreichen will
Abb. 7Jede Nachricht enthält vier Seiten: Sachinhalt, Selbstoffenbarung, Beziehung und Appell. Der Sender spricht mit „vier Schnäbeln", der Empfänger hört mit „vier Ohren".
Abb. 6 ↓Abb. 7 ↓
Inventio ist die Stofffindung: In der kurzen Bedenkzeit sammeln Sie die zwei bis drei stärksten Punkte, nicht alles, was einfällt. Die Auswahl ist die eigentliche Leistung — ein Beitrag mit zwei ausgeführten Gedanken wirkt souveräner als einer mit sechs angerissenen, und er lässt sich in der verfügbaren Zeit auch zu Ende bringen.
Dispositio ist die Gliederung. Für die kurze Wortmeldung trägt ein Vierschritt: Position, Begründung, Beispiel, Rückbindung. Er funktioniert in dreißig Sekunden ebenso wie in drei Minuten, weil er nur die Ausführlichkeit ändert, nicht die Struktur — und er endet mit einer Rückbindung an die Diskussionsfrage, statt einfach aufzuhören.
Elocutio ist die sprachliche Gestaltung: ein klares Register, ein bis zwei wirksame Formulierungen, keine Füllwörter. Bewusste Pausen ersetzen „äh" und „halt" — und sie wirken nicht als Zögern, sondern als Gliederung, sobald sie an Satzgrenzen stehen statt mitten im Gedanken.
Memoria und Actio betreffen das Behalten und den Vortrag: Merken Sie sich die Kernpunkte, nicht den Wortlaut. Ein auswendig gelernter Wortlaut bricht bei der ersten Störung zusammen, während zwei gemerkte Punkte jede Unterbrechung überstehen. Actio meint die ruhige Stimme, den Blickkontakt und die bewusste Körperhaltung — dieselben Mittel wie in der Präsentation.
Bedenkzeit ist erlaubt und wirkt souverän: Drei bis fünf Sekunden Stille vor der Antwort lesen sich als Überlegung, nicht als Unsicherheit. Der Gegenentwurf — sofortiges, ungeordnetes Drauflosreden — kostet doppelt, weil er die Inventio überspringt und die Dispositio gleich mit.

Vokabeln

→ Kartei
  • InventioStofffindung: die stärksten zwei bis drei Punkte auswählen.
  • DispositioGliederung: Position - Begründung - Beispiel - Rückbindung.
  • ElocutioSprachliche Gestaltung: Register, Formulierung, Pausen statt Füllwörter.
  • MemoriaBehalten der Kernpunkte, nicht des Wortlauts.
  • ActioVortrag: Stimme, Blickkontakt, Körperhaltung.
  • BedenkzeitDrei bis fünf Sekunden Stille vor der Antwort; wirkt überlegt.
Musterbeispiel

Vierschritt für einen spontanen Diskussionsbeitrag

Strukturiere eine spontane 45-Sekunden-Antwort auf die Frage Soll die Schule mehr Projektunterricht anbieten?

  1. 01Inventio und Position

    In der Bedenkzeit den stärksten Punkt wählen und die Position benennen: "Mehr Projektunterricht ist sinnvoll, weil er selbstständiges Arbeiten fördert."

  2. 02Begründung und Beispiel

    "Im Projekt muss man planen, recherchieren und entscheiden - Kompetenzen, die im Frontalunterricht selten geübt werden. In unserem Geschichteprojekt etwa haben wir selbstständig Quellen ausgewertet."

  3. 03Rückbindung

    "Deshalb sollte Projektunterricht ausgebaut werden - allerdings ergänzend, nicht als Ersatz für systematisches Grundwissen."

Ergebnis: Der Beitrag ist in unter einer Minute klar strukturiert: Position, Begründung mit Beispiel und differenzierende Rückbindung. Der Vierschritt macht aus spontanem Sprechen einen geordneten, überzeugenden Beitrag.

Schritt-für-Schritt Erklärung3 Schritte
  1. 1

    Fünf Produktionsstufen: Inventio, Dispositio, Elocutio, Memoria, Actio.

  2. 2

    Vierschritt Position - Begründung - Beispiel - Rückbindung trägt jede Wortmeldung.

  3. 3

    Bedenkzeit und bewusste Pausen wirken souveräner als Drauflosreden.

Maturafokus

  • Strukturiere einen spontanen Diskussionsbeitrag nach dem Vierschritt Position - Begründung - Beispiel - Rückbindung.
  • Erläutere die fünf rhetorischen Produktionsstufen und wende sie auf eine kurze Wortmeldung an.
  • Demonstriere den Einsatz bewusster Pausen an Satzgrenzen statt von Füllwörtern.
  • Nimm die Bedenkzeit von drei bis fünf Sekunden bewusst in Anspruch, bevor du antwortest.
  • Beurteile einen gehörten Spontanbeitrag daraufhin, welche Produktionsstufe übersprungen wurde.

Typische Fehler

  • Sofortiges Drauflosreden ohne Inventio und Dispositio - der Beitrag bleibt unstrukturiert.
  • Der Wortlaut wird auswendig gelernt statt der Kernpunkte; bei der ersten Störung bricht alles zusammen.
  • Füllwörter und Weichmacher ersetzen die Pause und senken die Wirkung.
  • Zu viele Punkte angerissen; keiner wird in der verfügbaren Zeit zu Ende geführt.
  • Die Rückbindung an die Diskussionsfrage fehlt - der Beitrag endet, statt zu schließen.

§ 06

Aktive Wiederholung

Beantworte eine spontane Diskussionsfrage in maximal 60 Sekunden und strukturiere den Beitrag bewusst nach Inventio (zwei Punkte), Dispositio (Vierschritt) und Elocutio (eine prüfen Formulierung, bewusste Pause).

Passende Aufgaben üben50 Fragen zum Thema→

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: Duden Rhetorik - klassische Produktionsstufen (Duden) · AHS-Lehrplan Deutsch (BMBWF / RIS)

Stand 06/2026 · Vollständige Fassung über den Tiefenregler — gleiche Stelle, gleiche Anker

Inhalt

Abschnitt -- / 06

    • 01Aktives Zuhören und Mitschreiben○
    • 02Argumentationsstrukturen mündlich erkennen◐
    • 03Diskussionskultur und Streitkompetenz◐
    • 04Präsentationen halten - vom Konzept zur Live-Performance◐
    • 05Konstruktives Feedback geben und annehmen○
    • 06Spontanes Sprechen planen - die fünf Produktionsstufen◐

0/6 Gelesen

Aus den Notizen ins Training

D 1 - Zuhören und Sprechen

Festige dieses Thema an passenden Aufgaben aus der Fragenbank.

~24
Min
3
Kompetenzen
50
Fragen
Üben
Beispielfrage

In der mündlichen Reifeprüfung wird Ihnen ein dreiminütiger Diskussionsauszug zur Debatte um die Gendersprache vorgespielt. Fassen Sie die zentralen Positionen und Argumente der drei Diskussionsteilnehmer:innen zusammen und beurteilen Sie die Argumentationsqualität anhand der Kriterien Stringenz, Beleg und Adressatenorientierung.

16 BE · 2022

Zur Fragenbank
Wiederholung planen

Belege & Quellen

Quellen

BMBWF / RIS

  • AHS-Lehrplan Deutsch (Oberstufe)

Schulz von Thun Institut

  • Schulz von Thun: Miteinander reden 1 - Störungen und Klärungen

Suhrkamp

  • Toulmin: The Uses of Argument (1958, dt. 1996)

Duden

  • Duden Sprachwissen - Sprachratgeber
  • Duden Rhetorik - Gesprächsführung

International Debate Education Association

  • Karl-Popper-Debatte - Format und Regeln

University College London

  • Grice: Logic and Conversation (1975)

Barbara Minto

  • Minto: The Pyramid Principle (1973)

BMBWF

  • BMBWF Schreib- und Präsentationsleitfaden Deutsch

Siehe auch

  • D 12 - Mündliche Reifeprüfung - Themenpool und StrategieDie mündliche Prüfung ist der Ort, an dem Zuhören und Sprechen bewertet werden.
  • D 6 - Kommentar, Leserbrief, Meinungsrede, Offener Brief, EmpfehlungDie Meinungsrede überträgt die mündliche Argumentation in die Schriftlichkeit.
  • D 4 - Erörterung (linear, dialektisch, textbasiert)Die dialektische Erörterung folgt derselben Argumentlogik wie die Diskussion.

Nächstes Thema

D 2 - Lesen und Textverständnis

EuraStudy·Notizen T·01·MMXXVI

Weiter mit dem nächsten Thema — der Lernpfad bleibt erhalten.