EuraStudy
Notizen/Biologie/Genetik und Molekulargenetik (BIO-Gen)
AT · Matura

Genetik und Molekulargenetik (BIO-Gen)

DNA-Struktur und Replikation, Genexpression (Transkription, Translation), Genregulation, Mendelsche Regeln, Stammbaumanalyse, Mutationen, Gentechnik (PCR, CRISPR) und Bioethik.

6 Abschnitte·~23 Min Lesezeit·4 Kompetenzen·Stand 06/2026

T·0333 / 10
Prüfungsprofil
BIO-Gen-3.1 · DNA-Struktur und Replikation beschreibenBIO-Gen-3.2 · Genexpression und Proteinbiosynthese erklärenBIO-Gen-3.3 · Mendelsche Regeln und Erbgänge anwendenBIO-Gen-3.4 · Mutationen und Gentechnik bewerten
Tiefe

Lesetiefe: Vertiefung

Schrift

Schriftgröße: Standard · Zeilenabstand: Kompakt

Medien immer laden: aus

Inhalt · 6 Abschnitte▾
  1. Genetik und Molekulargenetik (BIO-Gen)
    • 01DNA-Struktur und Replikation◐
    • 02Genexpression - Transkription, Translation, genetischer Code◐
    • 03Mendelsche Regeln und Erbgänge◐
    • 04Mutationen, PCR, CRISPR und Bioethik●
    • 05Genregulation und Epigenetik●
    • 06Stammbaumanalyse und Erbgänge◐

6 Abschnitte · 30 Merksätze · 1 Formel · 30 Fehlerwarnungen

§ 01
§ 01

DNA-Struktur und Replikation#

~3 Min Lesezeit●●○StandardLPBIO-Gen-3.1

Kernpunkte

Die Aufklärung der DNA-Struktur war der Schlüssel zum Verständnis der Vererbung: Watson und Crick zeigten 1953 (auf Basis von Franklins Röntgenbildern), dass die DNA eine antiparallele Doppelhelix ist - das Zucker-Phosphat-Rückgrat liegt außen, die Basen weisen nach innen (). „Antiparallel" heißt: Der eine Strang läuft 5'→3', der andere gegenläufig 3'→5'.

DNA-Doppelhelix — Basenpaarung A=T, G≡C

5' 3' 3' 5' A = T G ≡ C T = A C ≡ G A = T
Abb. 1Antiparallele Stränge mit Zucker-Phosphat-Rückgrat; Wasserstoffbrücken zwischen Basen (A-T zwei, G-C drei).
Abb. 1 ↓
Die Basen paaren sich nach festen Regeln: Adenin mit Thymin über zwei Wasserstoffbrücken (A=T), Guanin mit Cytosin über drei (G≡C). Daraus folgt die Chargaff-Regel - in jeder DNA gilt A = T und G = C. Diese komplementäre Paarung ist zugleich der Mechanismus der originalgetreuen Verdopplung: Jeder Strang ist die Vorlage für seinen Partner.
Die Replikation ist semikonservativ: Aus einer Doppelhelix entstehen zwei, jede aus einem alten und einem neu synthetisierten Strang. Meselson und Stahl bewiesen das 1958 elegant mit schwerem Stickstoff (15N^{15}\mathrm{N}15N): Nach einer Runde war alle DNA „hybrid", nach zwei Runden je zur Hälfte „hybrid" und „leicht" - genau das Muster, das nur die semikonservative Replikation vorhersagt.
An der Replikationsgabel arbeitet eine ganze Enzymmaschinerie zusammen (): Die Helikase trennt die Stränge, SSB-Proteine halten sie offen, die Topoisomerase löst die Verdrillung davor. Die Primase legt kurze RNA-Primer, an die die DNA-Polymerase III anknüpft - sie kann ausschließlich in 5'→3'-Richtung verlängern.

DNA-Replikation an der Replikationsgabel

3' 5' Hel Leitstrang (5' -> 3', kontinuierlich) Folgestrang (Okazaki-Fragmente) Primase setzt RNA-Primer, DNA-Pol I/III bauen DNA, Ligase verbindet.
Abb. 2Helikase öffnet, Primase setzt RNA-Primer, DNA-Polymerase III synthetisiert kontinuierlichen Leitstrang und diskontinuierlichen Folgestrang (Okazaki-Fragmente).
Abb. 2 ↓
Diese Richtungsbeschränkung erzwingt zwei verschiedene Stränge: Der Leitstrang wird kontinuierlich synthetisiert, der Folgestrang dagegen rückwärts in kurzen Okazaki-Fragmenten. DNA-Polymerase I ersetzt anschließend die RNA-Primer durch DNA, die Ligase verkittet die Lücken - so wird auch der diskontinuierliche Strang lückenlos.
Zwei Mechanismen sichern Genauigkeit und Enden: Die DNA-Polymerase besitzt eine Korrekturlesefunktion (3'→5'-Exonuclease), die Fehlpaarungen sofort entfernt - die Fehlerrate sinkt unter 10−910^{-9}10−9. An den Chromosomenenden verhindern die Telomere den Informationsverlust; sie verkürzen sich bei jeder Teilung (eine „zelluläre Uhr") und werden nur in Keim- und Krebszellen von der Telomerase verlängert.

Vokabeln

→ Kartei
  • DoppelhelixSchraubenförmige Struktur aus zwei antiparallelen Strängen.
  • komplementärA zu T und G zu C paarend.
  • semikonservativJeder Tochterstrang enthält einen alten Elternstrang.
  • Okazaki-FragmentKurzes Teilstück des Folgestrangs.
  • LigaseEnzym, das DNA-Stücke verknüpft.
  • ReplikationsgabelStelle, an der die Stränge getrennt werden.
Wiedergabe lädt Inhalte von YouTube (Google).Auf YouTube öffnen ↗
Wiedergabe lädt Inhalte von YouTube (Google).Auf YouTube öffnen ↗
Musterbeispiel

Chargaff-Regel - Basenanteile berechnen

Eine doppelsträngige DNA-Probe enthält 30 % Adenin. Berechne die prozentualen Anteile von Thymin, Guanin und Cytosin.

  1. Schritt 1 - Chargaff-Regel

    In doppelsträngiger DNA gilt A=TA = TA=T und G=CG = CG=C (komplementäre Basenpaarung).

  2. Schritt 2 - Thymin

    Aus A=30 %A = 30\,\%A=30% folgt direkt T=30 %T = 30\,\%T=30%.

  3. Schritt 3 - Rest aufteilen

    A+T=60 %A + T = 60\,\%A+T=60%, also bleiben 100−60=40 %100 - 60 = 40\,\%100−60=40% für G und C zusammen.

  4. Schritt 4 - Guanin und Cytosin

    Wegen G=CG = CG=C gilt G=C=40/2=20 %G = C = 40/2 = 20\,\%G=C=40/2=20%.

Ergebnis: T = 30 %, G = 20 %, C = 20 %. Die Probe ist AT-reich - ein höherer GC-Anteil würde die DNA über die dritte Wasserstoffbrücke thermisch stabiler machen.

Schritt-für-Schritt Erklärung3 Schritte
  1. 1

    Die DNA-Doppelhelix ist wie eine gedrehte Strickleiter mit Basenpaaren als Sprossen.

    DNA-Doppelhelix — Basenpaarung A=T, G≡C

    5' 3' 3' 5' A = T G ≡ C T = A C ≡ G A = T
    Abb.Antiparallele Stränge mit Zucker-Phosphat-Rückgrat; Wasserstoffbrücken zwischen Basen (A-T zwei, G-C drei).
  2. 2

    Replikation fängt am Origin an, läuft in beide Richtungen, schafft zwei semikonservative Doppelstränge.

    DNA-Replikation an der Replikationsgabel

    3' 5' Hel Leitstrang (5' -> 3', kontinuierlich) Folgestrang (Okazaki-Fragmente) Primase setzt RNA-Primer, DNA-Pol I/III bauen DNA, Ligase verbindet.
    Abb.Helikase öffnet, Primase setzt RNA-Primer, DNA-Polymerase III synthetisiert kontinuierlichen Leitstrang und diskontinuierlichen Folgestrang (Okazaki-Fragmente).
  3. 3

    Telomere verkürzen sich bei jeder Teilung - eine Art zelluläre Uhr.

SRDP-Aufgaben

SelbsttestAus der Fragenbank5 Punkte

Aufgabenstellung

Beschreibe die DNA-Replikation und erkläre, warum sie als "semikonservativ" bezeichnet wird.

Maturafokus

  • Beschreibe den Bau der Doppelhelix über Zucker-Phosphat-Rückgrat und Basenpaarung.
  • Nenne die komplementäre Basenpaarung mit der Zahl der Wasserstoffbrücken.
  • Erkläre die semikonservative Replikation und ihren experimentellen Beleg.
  • Verbinde die Antiparallelität mit Leit- und Folgestrang.
  • Ordne den Enzymen ihre Aufgabe zu: Helicase, Polymerase, Ligase, Primase.

Typische Fehler

  • Die Zahl der Wasserstoffbrücken wird vertauscht - A-T hat zwei, G-C drei.
  • Die Replikation wird als konservativ beschrieben.
  • Leit- und Folgestrang werden vertauscht.
  • Die 5'-3'-Richtung der Polymerase bleibt unerwähnt.
  • Der Okazaki-Fragment-Mechanismus wird dem Leitstrang zugeschrieben.

§ 01

Aktive Wiederholung

Erläutere, warum DNA-Replikation in 5'->3'-Richtung abläuft und welche Konsequenz das für den Folgestrang hat.

Passende Aufgaben üben50 Fragen zum Thema→

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: Watson J D, Crick F H C (1953) Nature 171:737-738 (Nature)

§ 02
§ 02

Genexpression - Transkription, Translation, genetischer Code#

~3 Min Lesezeit●●○StandardLPBIO-Gen-3.2

Kernpunkte

Wie kommt man vom Gen zum Merkmal? Das „zentrale Dogma" der Molekularbiologie beschreibt den Informationsfluss: DNA wird in mRNA umgeschrieben (Transkription) und diese in Protein übersetzt (Translation). Das Gen ist der Bauplan, die mRNA die Arbeitskopie, das Protein das fertige Werkstück.
Bei der Transkription liest die RNA-Polymerase den Matrizenstrang in 3'→5'-Richtung und baut eine komplementäre mRNA in 5'→3' auf, wobei Uracil das Thymin ersetzt (). Sie startet am Promotor (TATA-Box) und endet am Terminator. Die mRNA ist eine vergängliche Kopie - so kann die Zelle die Produktion jederzeit neu steuern.

Transkription - DNA zu mRNA

5' DNA codogen 3' DNA Matrize RNA-Pol mRNA 5' -> 3' (U statt T) Promotor -> Initiation -> Elongation -> Terminator. Bei Eukaryoten: Capping, Spleissen, Poly-A.
Abb. 3RNA-Polymerase liest Matrizenstrang 3'->5', baut komplementäre mRNA 5'->3' (U statt T).
Abb. 3 ↓
In Eukaryoten wird die prä-mRNA noch prozessiert, bevor sie den Kern verlässt: Sie erhält eine schützende 5'-Cap und einen 3'-Poly-A-Schwanz, und beim Spleissen werden die nicht-codierenden Introns herausgeschnitten und die Exons verbunden. Durch alternatives Spleissen kann ein einziges Gen mehrere verschiedene Proteine liefern - das vervielfacht das Proteom.
Der genetische Code übersetzt die Basenfolge in Aminosäuren (): Jeweils drei Basen (ein Codon) codieren eine Aminosäure. Von den 64 Codons stehen 61 für die 20 Aminosäuren, AUG ist Start (Methionin), drei (UAA, UAG, UGA) sind Stopp. Der Code ist nahezu universell, redundant (mehrere Codons pro Aminosäure) und eindeutig (jedes Codon nur eine Aminosäure).

Codon-Tabelle (Standard-Code) - Auszug

Codon-Tabelle (Standard-Code, Auszug)Tabelle mit 4 Spalten und 4 Zeilen, Daten: Codon · Aminosäure · Codon · Aminosäure; AUG · Met (Start) · UAA · Stopp; UUU/UUC · Phe · UAG · Stopp; GGU/GGC/GGA/GGG · Gly · UGA · Stopp; GCU/GCC/GCA/GCG · Ala · CAU/CAC · His, hervorgehobene Zelle: AUGCodonAminosäureCodonAminosäureAUGMet (Start)UAAStoppUUU/UUCPheUAGStoppGGU/GGC/GGA/GGGGlyUGAStoppGCU/GCC/GCA/GCGAlaCAU/CACHis
Abb. 5Universeller Code: 64 Codons, 20 Aminosäuren, 1 Startcodon (AUG = Met), 3 Stoppcodons (UAA, UAG, UGA).
Abb. 5 ↓
Die Translation läuft am Ribosom ab (): Die mRNA wird Codon für Codon abgelesen, während tRNAs mit passendem Anticodon die zugehörige Aminosäure heranbringen. Das Ribosom besitzt drei Stellen - an der A-Stelle dockt die neue tRNA an, an der P-Stelle wächst die Kette, an der E-Stelle verlässt die leere tRNA das Ribosom.

Translation am Ribosom

große 60S/50S kleine 40S/30S 5' 3' E P A tRNA (leer) Polypeptid neue AA Bewegung des Ribosoms 5' -> 3' Codon für Codon
Abb. 4mRNA wird codonweise abgelesen; tRNAs mit komplementären Anticodons liefern Aminosäuren; A-, P-, E-Stelle.
Abb. 4 ↓
Der Vorgang gliedert sich in Initiation, Elongation und Termination: Am Stoppcodon bindet ein Release-Faktor und entlässt das fertige Polypeptid. Schon ein einziger falscher Baustein kann gravierend sein - der Austausch von Glutaminsäure gegen Valin im Hämoglobin verursacht die Sichelzellenanämie und verbindet so die Genexpression direkt mit dem Thema Mutation.

Vokabeln

→ Kartei
  • TranskriptionUmschreiben eines DNA-Abschnitts in mRNA.
  • TranslationÜbersetzen der mRNA in eine Aminosäurekette.
  • CodonBasentriplett der mRNA.
  • AnticodonKomplementäres Triplett der tRNA.
  • IntronNicht codierender, herausgeschnittener Abschnitt.
  • SpleißenEntfernen der Introns aus der prä-mRNA.
Wiedergabe lädt Inhalte von YouTube (Google).Auf YouTube öffnen ↗
Wiedergabe lädt Inhalte von YouTube (Google).Auf YouTube öffnen ↗
Der Start lädt die Simulation von PhET (University of Colorado).Bei PhET öffnen ↗
Musterbeispiel

mRNA-Codon zu Aminosäurensequenz

Lies die mRNA-Sequenz 5'-AUG-GCU-UUU-UAA-3' ab und gib die Aminosäurefolge bis zum Stopp an.

  1. 01Startcodon

    AUG -> Methionin (Met, Translationsstart).

  2. 02Nächstes Codon

    GCU -> Alanin (Ala).

  3. 03Drittes Codon

    UUU -> Phenylalanin (Phe).

  4. 04Stoppcodon

    UAA -> Stopp, kein weiterer Einbau.

Ergebnis: Polypeptid: Met-Ala-Phe (drei Aminosäuren); UAA terminiert die Translation.

Schritt-für-Schritt Erklärung3 Schritte
  1. 1

    Die Zelle liest DNA in einer kurzen mRNA-Kopie ab und übersetzt diese am Ribosom in Protein.

    Transkription - DNA zu mRNA

    5' DNA codogen 3' DNA Matrize RNA-Pol mRNA 5' -> 3' (U statt T) Promotor -> Initiation -> Elongation -> Terminator. Bei Eukaryoten: Capping, Spleissen, Poly-A.
    Abb.RNA-Polymerase liest Matrizenstrang 3'->5', baut komplementäre mRNA 5'->3' (U statt T).
  2. 2

    Spleissen ist ein Eukaryoten-Trick: aus einem Gen können mehrere Proteine entstehen.

  3. 3

    Ribosom + tRNA + mRNA = molekulare Buchstaben-Suppe; jede Drei-Buchstaben-Folge codiert eine Aminosäure.

    Codon-Tabelle (Standard-Code) - Auszug

    Codon-Tabelle (Standard-Code, Auszug)Tabelle mit 4 Spalten und 4 Zeilen, Daten: Codon · Aminosäure · Codon · Aminosäure; AUG · Met (Start) · UAA · Stopp; UUU/UUC · Phe · UAG · Stopp; GGU/GGC/GGA/GGG · Gly · UGA · Stopp; GCU/GCC/GCA/GCG · Ala · CAU/CAC · His, hervorgehobene Zelle: AUGCodonAminosäureCodonAminosäureAUGMet (Start)UAAStoppUUU/UUCPheUAGStoppGGU/GGC/GGA/GGGGlyUGAStoppGCU/GCC/GCA/GCGAlaCAU/CACHis
    Abb.Universeller Code: 64 Codons, 20 Aminosäuren, 1 Startcodon (AUG = Met), 3 Stoppcodons (UAA, UAG, UGA).

SRDP-Aufgaben

SelbsttestAus der Fragenbank6 Punkte

Aufgabenstellung

Erläutere die Proteinbiosynthese in Eukaryoten von der Transkription bis zum fertigen Protein.

Maturafokus

  • Trenne Transkription und Translation nach Ort, Produkt und beteiligten Molekülen.
  • Nenne die Eigenschaften des genetischen Codes: Triplett, degeneriert, universell, kommafrei.
  • Lies aus einer Codesonne die Aminosäure zu einem gegebenen Codon ab.
  • Beschreibe das Spleißen als Entfernen der Introns.
  • Ordne den drei RNA-Arten ihre Aufgabe in der Proteinbiosynthese zu.

Typische Fehler

  • Transkription und Translation werden vertauscht.
  • Degeneriert wird als mehrdeutig statt als redundant gedeutet.
  • Codon und Anticodon werden vermengt.
  • Die Codesonne wird mit der mRNA statt der DNA-Sequenz gelesen.
  • Introns und Exons werden vertauscht.

§ 02

Aktive Wiederholung

Übersetze die mRNA-Sequenz 5'-AUG-GCU-GGA-UAA-3' mithilfe der Codon-Tabelle in eine Peptidsequenz.

Passende Aufgaben üben50 Fragen zum Thema→

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: Nirenberg M (1961) - Genetic Code deciphered (Nobel Foundation)

§ 03
§ 03

Mendelsche Regeln und Erbgänge#

~4 Min Lesezeit●●○StandardLPBIO-Gen-3.3

Kernpunkte

Lange vor der Entdeckung der DNA fand Gregor Mendel die Gesetze der Vererbung - durch akribische Kreuzungsexperimente an Erbsen. Seine drei Regeln gelten bis heute und bilden das Fundament der klassischen Genetik; das Punnett-Quadrat macht ihre Vorhersagen sichtbar ().

Mendel-Punnett-Quadrat (monohybrid)

Punnett-Quadrat (Aa × Aa)Tabelle mit 3 Spalten und 2 Zeilen, Daten: × · A · a; A · AA · Aa; a · Aa · aa, hervorgehobene Zelle: aa×AaAAAAaaAaaa
Abb. 6Kreuzung Aa x Aa: Phänotypverhältnis 3 dominant : 1 rezessiv, Genotyp 1 AA : 2 Aa : 1 aa.
Abb. 6 ↓
Die 1. Mendelsche Regel (Uniformitätsregel) besagt: Kreuzt man zwei reinerbige Eltern, die sich in einem Merkmal unterscheiden (AA × aa), so ist die gesamte F1-Generation gleich (alle Aa) und zeigt - bei Dominanz - den Phänotyp des dominanten Allels. Die Vielfalt der Eltern verschwindet in der ersten Generation scheinbar.
Die 2. Regel (Spaltungsregel) erklärt, wohin sie verschwand: Kreuzt man die F1 untereinander (Aa × Aa), tauchen die Merkmale wieder auf - im Phänotyp 3 : 1, im Genotyp 1 : 2 : 1. Das rezessive Allel war in der F1 nur verdeckt, nicht verloren.
Die 3. Regel (Unabhängigkeitsregel) gilt für zwei Merkmale auf verschiedenen Chromosomen: Sie werden unabhängig voneinander vererbt, eine dihybride Kreuzung (AaBb × AaBb) liefert das Verhältnis 9 : 3 : 3 : 1. Liegen die Gene dagegen auf demselben Chromosom, werden sie gekoppelt vererbt und nur durch Crossing-over getrennt - die Rekombinationshäufigkeit verrät den Genabstand (Morgan-Einheiten).
Reale Erbgänge folgen festen Mustern (): autosomal-dominant (z. B. Marfan), autosomal-rezessiv (Mukoviszidose), X-chromosomal-rezessiv (Hämophilie, Rot-Grün-Schwäche), X-dominant, Y-chromosomal und mitochondrial (nur über die Mutter). Welcher Erbgang vorliegt, erkennt man am Vererbungsmuster - das vertieft der Abschnitt Stammbaumanalyse.

Stammbaum-Symbole (Humangenetik)

männlich gesund männlich betroffen weiblich gesund weiblich betroffen Generation II Generation I
Abb. 7Quadrat = männlich, Kreis = weiblich; ausgefüllt = Merkmalstraeger; horizontal = Partnerschaft, vertikal = Nachkommen.
Abb. 7 ↓
Nicht jedes Merkmal ist einfach dominant-rezessiv: Beim AB0-Blutgruppensystem sind die Allele IAI^AIA und IBI^BIB kodominant (beide werden ausgeprägt), iii ist rezessiv - daraus ergeben sich die vier Phänotypen A, B, AB und 0. Solche Fälle zeigen, dass Mendels Prinzipien auch komplexere Vererbung tragen.
In der Praxis nutzt man das Punnett-Quadrat zur Wahrscheinlichkeitsrechnung: Aus den Gameten beider Eltern liest man die Genotypen der Nachkommen und ihre Anteile ab. Diese Technik ist die Grundlage der humangenetischen Beratung und damit der medizinischen Anwendung der Genetik.

Vokabeln

→ Kartei
  • AllelZustandsform eines Gens.
  • homozygotBeide Allele gleich.
  • heterozygotBeide Allele verschieden.
  • UniformitätsregelKreuzung reinerbiger Eltern ergibt eine einheitliche F1.
  • SpaltungsregelAufspaltung in der F2 im festen Verhältnis.
  • RückkreuzungKreuzung mit dem rezessiven Elterntyp zur Genotypbestimmung.
Wiedergabe lädt Inhalte von YouTube (Google).Auf YouTube öffnen ↗
Musterbeispiel

Mendel monohybrid - Erbsenfarbe

Reinerbig gelbe Erbse (GG) wird mit reinerbig grüner Erbse (gg) gekreuzt. Wie sehen F1 und F2 aus?

  1. 01P-Generation

    GG x gg -> alle Gameten G bzw. g.

  2. 02F1

    Alle F1 sind heterozygot Gg, phänotypisch gelb (Dominanz von G).

  3. 03F2 - Kreuzung Gg x Gg

    Gameten: G und g. Punnett-Quadrat liefert GG : Gg : Gg : gg.

  4. 04Verhältnis

    Genotyp 1 GG : 2 Gg : 1 gg; Phänotyp 3 gelb : 1 grün.

Ergebnis: F1 einheitlich gelb (Uniformitätsregel), F2 spaltet sich 3:1 auf (Spaltungsregel).

Schritt-für-Schritt Erklärung3 Schritte
  1. 1

    Mendels Regeln sind die Grammatik der Vererbung - drei Regeln, hunderte Anwendungen.

    Mendel-Punnett-Quadrat (monohybrid)

    Punnett-Quadrat (Aa × Aa)Tabelle mit 3 Spalten und 2 Zeilen, Daten: × · A · a; A · AA · Aa; a · Aa · aa, hervorgehobene Zelle: aa×AaAAAAaaAaaa
    Abb.Kreuzung Aa x Aa: Phänotypverhältnis 3 dominant : 1 rezessiv, Genotyp 1 AA : 2 Aa : 1 aa.
  2. 2

    In einem Stammbaum schaust du auf drei Dinge: springt das Merkmal? wer ist betroffen? welche Geschlechter?

    Stammbaum-Symbole (Humangenetik)

    männlich gesund männlich betroffen weiblich gesund weiblich betroffen Generation II Generation I
    Abb.Quadrat = männlich, Kreis = weiblich; ausgefüllt = Merkmalstraeger; horizontal = Partnerschaft, vertikal = Nachkommen.
  3. 3

    AB0 zeigt, dass es Codominanz gibt - A und B können sich gemeinsam ausdrücken.

SRDP-Aufgaben

SelbsttestAus der Fragenbank5 Punkte

Aufgabenstellung

Anhand eines vorgegebenen Stammbaums soll der Erbgang bestimmt und begründet werden (autosomal-dominant, autosomal-rezessiv oder X-chromosomal-rezessiv).

Maturafokus

  • Nenne die drei Mendelschen Regeln und die Kreuzung, die jede zeigt.
  • Zeichne ein Kreuzungsschema mit Genotyp- und Phänotypverhältnis.
  • Unterscheide dominant-rezessiven von intermediärem Erbgang.
  • Erkläre den kodominanten Erbgang an den Blutgruppen.
  • Nenne die Bedingungen, unter denen die dritte Regel gilt.

Typische Fehler

  • Genotyp und Phänotyp werden vermengt.
  • Das 9:3:3:1-Verhältnis wird ohne die Bedingung freier Kombinierbarkeit angegeben.
  • Intermediär und kodominant werden gleichgesetzt.
  • Homozygot und heterozygot werden vertauscht.
  • Die Rückkreuzung wird nicht als Prüfkreuzung erkannt.

§ 03

Aktive Wiederholung

Eine Frau mit Blutgruppe A (heterozygot) und ein Mann mit Blutgruppe B (heterozygot) bekommen Kinder. Welche Blutgruppen sind möglich und mit welcher Wahrscheinlichkeit?

Passende Aufgaben üben50 Fragen zum Thema→

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: OMIM - Online Mendelian Inheritance in Man (NIH / Johns Hopkins)

§ 04
§ 04

Mutationen, PCR, CRISPR und Bioethik#

~4 Min Lesezeit●●●VertiefungLPBIO-Gen-3.4

Kernpunkte

Mutationen sind dauerhafte Änderungen im Erbgut - die Rohstoffquelle der Evolution und zugleich Ursache vieler Krankheiten. Man ordnet sie nach ihrer Reichweite: Genmutationen betreffen einzelne Basen (Punktmutationen), Chromosomenmutationen ganze Abschnitte (Deletion, Duplikation, Inversion, Translokation), Genommutationen die Chromosomenzahl (Aneuploidie, Polyploidie).
Bei den Punktmutationen entscheidet der Effekt auf das Protein: Eine stille Mutation tauscht ein Codon gegen ein synonymes - die Aminosäure bleibt gleich. Eine Missense-Mutation setzt eine andere Aminosäure ein, eine Nonsense-Mutation ein vorzeitiges Stoppcodon. Am gravierendsten ist die Frameshift-Mutation (Insertion oder Deletion), die das gesamte Leseraster verschiebt und das Protein ab dieser Stelle völlig verändert.
Konkrete Beispiele machen die Tragweite deutlich: Die Sichelzellenanämie beruht auf einer einzigen Missense-Mutation (Glu→Val im Hämoglobin), die Trisomie 21 auf einer Genommutation, die Mukoviszidose meist auf der Deletion ΔF508 im CFTR-Gen. Eine einzige Base kann ein Leben prägen.
Die PCR (Polymerase-Kettenreaktion) ist das wichtigste Werkzeug, um DNA zu vervielfältigen (): In drei wiederholten Temperaturschritten - Denaturierung bei 95 °C, Annealing der Primer bei ca. 55 °C, Elongation durch die hitzestabile Taq-Polymerase bei 72 °C - verdoppelt sich die Ziel-DNA pro Zyklus. Nach rund 30 Zyklen sind aus einem Molekül über 10910^{9}109 Kopien geworden.

PCR - die drei Temperaturschritte

PCR-ZyklusNetzgraph, Denaturierung 95 °C → Annealing 55 °C, Annealing 55 °C → Elongation 72 °C, Elongation 72 °C → Denaturierung 95 °CDenaturierung 95°CAnnealing 55 °CElongation 72 °C× ca. 30
Abb. 8Ein Zyklus aus Denaturierung (95 °C), Annealing (55 °C) und Elongation (72 °C); jede Runde verdoppelt die Ziel-DNA.
Abb. 8 ↓
CRISPR/Cas9 hat die Genom-Editierung revolutioniert: Das ursprünglich bakterielle Immunsystem wird programmiert, indem eine guide-RNA das Cas9-Enzym zur passenden DNA-Sequenz führt, wo es einen Doppelstrangbruch setzt. Die Reparatur erfolgt entweder fehleranfällig (NHEJ, schaltet das Gen aus) oder gezielt mit einer Vorlage (HDR, baut neue Sequenz ein).
Die Anwendungen sind weitreichend: bakteriell produziertes Humaninsulin, der Vitamin-A-reiche Golden Rice, CAR-T-Zelltherapien gegen Krebs und seit 2023 die erste zugelassene CRISPR-Therapie (Casgevy) gegen Sichelzellenanämie. Gentechnik ist längst medizinische Realität.
Damit stellen sich ethische Fragen, die zur Bioethik überleiten: Die Editierung der Keimbahn würde Veränderungen vererbbar machen („Designer-Babies", Fall He Jiankui), Off-Target-Effekte bergen Risiken. Die EU schreibt eine GVO-Kennzeichnung vor; ELSI-Begleitforschung, das Nagoya-Protokoll und das Vorsorgeprinzip setzen den Rahmen.
Mutationen schlagen die Brücke zur Evolution: Sie liefern die Variation, an der die Selektion ansetzt (Thema Evolution). Die ethische Bewertung der Gentechnik wird im Kapitel Umweltkunde und Bioethik vertieft - Biologie ist hier untrennbar mit gesellschaftlicher Verantwortung verbunden.

Vokabeln

→ Kartei
  • PunktmutationAustausch einer einzelnen Base.
  • RastermutationVerschiebung des Leserasters durch Insertion oder Deletion.
  • PCRKettenreaktion zur Vervielfältigung von DNA.
  • PrimerKurzes Startstück für die Polymerase.
  • CRISPR/Cas9Programmierbares Werkzeug zum gezielten DNA-Schnitt.
  • KeimbahneingriffVeränderung, die an Nachkommen weitergegeben wird.

PCR - Verdopplung pro Zyklus

Nnach n Zyklen=N0⋅2nN_{\text{nach n Zyklen}} = N_{0}\cdot 2^{n}Nnach n Zyklen​=N0​⋅2n

Exponentielles Wachstum: 30 Zyklen ergeben rund eine Milliarde Kopien. Deshalb genügen Spuren-DNA für eine Analyse - und deshalb ist Kontaminationsschutz beim Arbeiten so wichtig.

Wiedergabe lädt Inhalte von YouTube (Google).Auf YouTube öffnen ↗
Wiedergabe lädt Inhalte von YouTube (Google).Auf YouTube öffnen ↗
Musterbeispiel

PCR - Kopienzahl nach 30 Zyklen

Eine PCR startet mit einem einzigen DNA-Zielmolekül. Wie viele Kopien liegen theoretisch nach 30 Zyklen vor - und warum ist der reale Wert kleiner?

  1. 01Modell aufstellen

    Jeder Zyklus verdoppelt die Ziel-DNA, die Kopienzahl wächst also exponentiell: N=N0⋅2nN = N_{0}\cdot 2^{n}N=N0​⋅2n.

  2. 02Werte einsetzen

    Startmenge N0=1N_{0} = 1N0​=1, Zyklenzahl n=30n = 30n=30.

  3. 03Berechnen

    N=1⋅230=1 073 741 824≈1,07⋅109N = 1\cdot 2^{30} = 1\,073\,741\,824 \approx 1{,}07\cdot 10^{9}N=1⋅230=1073741824≈1,07⋅109.

  4. 04Realität einordnen

    Die Effizienz liegt unter 100 % (Primer-, Enzym- und Nukleotidmangel); in der Plateauphase flacht die Kurve ab. Der reale Ertrag liegt daher unter dem theoretischen Maximum.

Ergebnis: Theoretisch rund 1,1⋅1091{,}1\cdot 10^{9}1,1⋅109 Kopien - aus einem Molekül wird in 30 Zyklen über eine Milliarde. Das ist die Grundlage dafür, DNA aus winzigsten Spuren (Forensik, Diagnostik) nachweisbar zu machen.

Schritt-für-Schritt Erklärung3 Schritte
  1. 1

    Mutationen sind die Rohstoffquelle der Evolution - aber meist neutral oder schädlich.

  2. 2

    PCR ist das Lieblingswerkzeug der Molekularbiologie: 30 Zyklen, eine Milliarde Kopien.

  3. 3

    CRISPR/Cas9 ist die "Wortverarbeitung des Genoms" - Präzision wie nie, aber mit ethischen Folgen.

SRDP-Aufgaben

SelbsttestAus der Fragenbank5 Punkte

Aufgabenstellung

Erläutere das Prinzip von CRISPR/Cas9 und diskutiere zwei medizinische Chancen sowie zwei ethische Risiken.

Maturafokus

  • Ordne die Mutationsarten zu: Gen-, Chromosomen- und Genommutation.
  • Unterscheide stille, Missense- und Nonsense-Mutation nach ihrer Folge.
  • Beschreibe die PCR in ihren drei Temperaturschritten.
  • Erkläre CRISPR/Cas9 über Leit-RNA und Doppelstrangschnitt.
  • Trenne somatische von Keimbahn-Eingriffen in der ethischen Bewertung.

Typische Fehler

  • Jede Mutation wird als schädlich dargestellt.
  • Gen- und Chromosomenmutation werden vermengt.
  • Die PCR-Schritte werden in der Temperatur vertauscht.
  • CRISPR wird als beliebig genaues Werkzeug ohne Off-Target-Effekte beschrieben.
  • Somatische und Keimbahnveränderung werden ethisch gleich behandelt.

§ 04

Aktive Wiederholung

Erläutere am Beispiel der Sichelzellenanämie, wie eine Punktmutation eine genetisch bedingte Krankheit verursacht.

Passende Aufgaben üben50 Fragen zum Thema→

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Quellen: Doudna J A, Charpentier E (2014) Science 346:1258096 (Science) · Nature - CRISPR Sickle Cell Therapy 2023 (Nature)

§ 05
§ 05

Genregulation und Epigenetik#

~4 Min Lesezeit●●●VertiefungLPBIO-Gen-3.2

Kernpunkte

Fast jede Körperzelle trägt dasselbe vollständige Genom - und doch ist eine Nervenzelle etwas völlig anderes als eine Leberzelle. Den Unterschied macht die Genregulation: Sie entscheidet, wann, wo und wie stark ein Gen abgelesen wird. In einer bestimmten Zelle ist immer nur ein Bruchteil der Gene aktiv; diese differenzielle Genexpression ist der Schlüssel zu Spezialisierung und Entwicklung.
Wie eine solche Steuerung im Detail funktioniert, zeigt am klarsten das prokaryotische Operon-Modell, für das Jacob und Monod den Nobelpreis erhielten. Beim lac-Operon liegen die drei Strukturgene für den Laktoseabbau hintereinander unter einem gemeinsamen Promotor und Operator. Ist keine Laktose vorhanden, sitzt ein Repressor auf dem Operator und blockiert die RNA-Polymerase - das Operon ist aus. Kommt Laktose hinzu, bindet sie als Induktor den Repressor, der daraufhin den Operator freigibt: Man nennt das Substratinduktion.
Über diese negative Kontrolle legt sich eine zweite, positive Ebene (): Der CAP-cAMP-Komplex bindet vor dem Promotor und verstärkt die Transkription - aber nur bei Glucosemangel, denn nur dann ist cAMP hoch. Daraus ergibt sich eine logische UND-Verknüpfung: Das Operon läuft stark nur, wenn Laktose vorhanden UND Glucose knapp ist. Genau das erklärt die Diauxie - das Bakterium verbraucht zuerst die energetisch bevorzugte Glucose und schaltet erst danach auf Laktose um.

lac-Operon - Schaltzustände

lac-Operon-ZuständeTabelle mit 4 Spalten und 4 Zeilen, Daten: Medium · Repressor · CAP/cAMP · lac-Operon; nur Glucose · bindet Operator · inaktiv · AUS; nur Laktose · inaktiv (Induktor) · aktiv · stark AN; Glucose + Laktose · inaktiv · inaktiv · schwach AN; keine Zucker · bindet Operator · aktiv · AUSMediumRepressorCAP/cAMPlac-Operonnur Glucosebindet OperatorinaktivAUSnur Laktoseinaktiv (Induktor)aktivstark ANGlucose + Laktoseinaktivinaktivschwach ANkeine Zuckerbindet OperatoraktivAUS
Abb. 9Doppelte Kontrolle: negativ durch den Repressor (Laktose als Induktor), positiv durch CAP/cAMP (nur bei wenig Glucose).
Abb. 9 ↓
Bei Eukaryoten ist die Regulation vielstufig, weil deutlich mehr Stellschrauben existieren: Transkriptionsfaktoren und weit entfernte Enhancer bzw. Silencer steuern den Start, die Verpackung des Chromatins entscheidet, ob ein Gen überhaupt zugänglich ist, und nach der Transkription bestimmen alternatives Spleissen, mRNA-Stabilität und Translationskontrolle das Endergebnis. Erst diese Mehrebenen-Steuerung macht die feine Differenzierung höherer Organismen möglich.
Eine eigene Ebene ist die Epigenetik: vererbbare Änderungen der Genaktivität OHNE Änderung der DNA-Sequenz. Die zwei wichtigsten Mechanismen sind die DNA-Methylierung (Methylgruppen an Cytosin legen ein Gen meist still) und Histonmodifikationen (Acetylierung lockert das Chromatin und aktiviert, andere Markierungen verdichten es und schalten ab). Anschaulich: Epigenetik schreibt Notizen an den Rand des Genoms, ohne den eigentlichen Text zu verändern.
Konkrete Beispiele machen die Tragweite sichtbar: Bei der X-Inaktivierung wird in weiblichen Zellen ein ganzes X-Chromosom epigenetisch stillgelegt - das mikroskopisch sichtbare Barr-Körperchen, das etwa das Schildpattmuster mehrfarbiger Katzen erklärt. Beim genomischen Imprinting (Prägung) ist ein Gen je nach elterlicher Herkunft an- oder abgeschaltet. Und Umwelteinflüsse wie Ernährung oder Stress können Methylierungsmuster verschieben, die teils sogar an Nachkommen weitergegeben werden.
Genau diese Steuerung treibt die Zelldifferenzierung: Aus einer einzigen Zygote entstehen über differenzielle Genexpression mehr als 200 spezialisierte Zelltypen, obwohl alle dasselbe Genom besitzen. Eine anfangs totipotente Zelle wird schrittweise determiniert und schließlich differenziert. Damit ist die Genregulation die molekulare Grundlage von Entwicklung, Stammzellbiologie und regenerativer Medizin - und sie grenzt sich klar von der Mutation ab, denn die DNA-Sequenz selbst bleibt unverändert.

Vokabeln

→ Kartei
  • OperonFunktionelle Einheit aus Regulator- und Strukturgenen.
  • PromotorBindestelle der RNA-Polymerase.
  • OperatorBindestelle des Repressors.
  • SubstratinduktionAnschalten durch das abzubauende Substrat.
  • DNA-MethylierungAnhängen von Methylgruppen; meist stilllegend.
  • TranskriptionsfaktorProtein, das die Transkription steuert.
Wiedergabe lädt Inhalte von YouTube (Google).Auf YouTube öffnen ↗
Wiedergabe lädt Inhalte von YouTube (Google).Auf YouTube öffnen ↗
Musterbeispiel

lac-Operon - Schaltzustand vorhersagen

Ein E.-coli-Stamm wächst in einem Medium mit Laktose, aber ohne Glucose. Ist das lac-Operon an oder aus? Begründe über beide Kontrollebenen.

  1. 01Negative Kontrolle (Repressor)

    Laktose (genauer ihr Isomer Allolaktose) wirkt als Induktor: Sie bindet den Repressor, der dadurch den Operator verlässt - die RNA-Polymerase kann ablesen.

  2. 02Positive Kontrolle (CAP/cAMP)

    Wenig Glucose bedeutet viel cAMP. Der CAP-cAMP-Komplex bindet vor dem Promotor und verstärkt die Transkription deutlich.

  3. 03Beide Ebenen zusammenführen

    Operator frei UND CAP aktiv - beide Voraussetzungen für eine starke Expression sind erfüllt.

  4. 04Gegenprobe

    Mit Glucose + Laktose wäre der Repressor zwar ab, aber cAMP niedrig - das Operon liefe nur schwach (Diauxie: Glucose wird zuerst verbraucht).

Ergebnis: Das lac-Operon ist stark angeschaltet. Die Doppelkontrolle stellt sicher, dass die Laktose-Enzyme nur dann in Menge gebaut werden, wenn Laktose vorhanden UND die bevorzugte Glucose knapp ist.

Schritt-für-Schritt Erklärung2 Schritte
  1. 1

    Jede Zelle hat das ganze Rezeptbuch - Genregulation entscheidet, welche Rezepte gekocht werden.

    lac-Operon - Schaltzustände

    lac-Operon-ZuständeTabelle mit 4 Spalten und 4 Zeilen, Daten: Medium · Repressor · CAP/cAMP · lac-Operon; nur Glucose · bindet Operator · inaktiv · AUS; nur Laktose · inaktiv (Induktor) · aktiv · stark AN; Glucose + Laktose · inaktiv · inaktiv · schwach AN; keine Zucker · bindet Operator · aktiv · AUSMediumRepressorCAP/cAMPlac-Operonnur Glucosebindet OperatorinaktivAUSnur Laktoseinaktiv (Induktor)aktivstark ANGlucose + Laktoseinaktivinaktivschwach ANkeine Zuckerbindet OperatoraktivAUS
    Abb.Doppelte Kontrolle: negativ durch den Repressor (Laktose als Induktor), positiv durch CAP/cAMP (nur bei wenig Glucose).
  2. 2

    Epigenetik schreibt Notizen an den Rand des Genoms, ohne den Text selbst zu ändern.

SRDP-Aufgaben

SelbsttestAus der Fragenbank5 Punkte

Aufgabenstellung

Erkläre am lac-Operon, wie ein Bakterium seine Genexpression an das Nahrungsangebot anpasst, und unterscheide negative von positiver Kontrolle.

Maturafokus

  • Beschreibe das Operon-Modell am lac-Operon mit Promotor, Operator und Strukturgenen.
  • Unterscheide Substratinduktion von Endproduktrepression.
  • Ordne die eukaryotischen Regulationsebenen zu: Chromatin, Transkription, RNA, Protein.
  • Erkläre epigenetische Regulation über DNA-Methylierung und Histonmodifikation.
  • Verbinde die Genregulation mit der Zelldifferenzierung.

Typische Fehler

  • Das lac-Operon wird als eukaryotisches Modell dargestellt.
  • Induktion und Repression werden vertauscht.
  • Epigenetik wird als Änderung der Basensequenz beschrieben.
  • Operator und Promotor werden vermengt.
  • Die Zelldifferenzierung wird als Verlust von Genen erklärt.

§ 05

Aktive Wiederholung

Erläutere am lac-Operon, wie ein Bakterium die Genexpression an das Nahrungsangebot anpasst, und unterscheide dabei negative von positiver Kontrolle.

Passende Aufgaben üben50 Fragen zum Thema→

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

§ 06
§ 06

Stammbaumanalyse und Erbgänge#

~4 Min Lesezeit●●○StandardLPBIO-Gen-3.3

Kernpunkte

Ein Stammbaum ist ein genetisches Rätsel: Aus dem Muster, in dem ein Merkmal auftaucht, lässt sich der Erbgang erschließen - also ob das Gen auf einem Autosom oder dem X-Chromosom liegt und ob es dominant oder rezessiv ist. Die Notation ist einheitlich: Quadrate stehen für Männer, Kreise für Frauen, gefüllte Symbole für Betroffene; eine waagrechte Linie verbindet ein Paar, senkrechte Linien führen zu den Nachkommen ().

Stammbaum - X-chromosomal-rezessiver Erbgang

X-chromosomal-rezessiver ErbgangStammbaum mit 5 Personen, I1, I2, II1 (betroffen), II2, II3
Abb. 10Ein betroffener Sohn (gefüllt) gesunder Eltern; die Mutter ist Konduktorin - typisch für X-chromosomal-rezessive Merkmale wie Hämophilie.
Abb. 10 ↓
Die Analyse folgt einer festen Logik mit zwei Leitfragen. Erstens - dominant oder rezessiv? Springt das Merkmal Generationen (gesunde Eltern, aber ein betroffenes Kind), ist es rezessiv; tritt es lückenlos in jeder Generation auf, ist es dominant. Zweitens - autosomal oder X-chromosomal? Sind beide Geschlechter etwa gleich häufig betroffen, liegt das Gen auf einem Autosom; sind überwiegend Männer betroffen, deutet das auf das X-Chromosom.
Beim autosomal-rezessiven Erbgang kann das Merkmal Generationen überspringen: Betroffene Kinder haben oft phänotypisch gesunde Eltern, die beide heterozygote Konduktoren (Aa) sind, und beide Geschlechter sind gleich häufig betroffen. Klassisches Beispiel ist die Mukoviszidose - aus einer Kreuzung Aa × Aa ergibt sich für jedes Kind ein Erkrankungsrisiko von 14\tfrac{1}{4}41​.
Beim autosomal-dominanten Erbgang erscheint das Merkmal in jeder Generation, und jedes betroffene Kind hat mindestens ein betroffenes Elternteil - es gibt keinen Generationssprung, beide Geschlechter sind gleich betroffen. Beispiel ist die Chorea Huntington; dass sie erst im mittleren Lebensalter ausbricht, erklärt, warum sich ein dominantes, tödliches Allel überhaupt in der Population halten kann (die Betroffenen haben sich meist schon fortgepflanzt).
Der X-chromosomal-rezessive Erbgang hat ein unverwechselbares Muster (): Überwiegend Männer sind betroffen, denn sie besitzen nur ein X und kein zweites, gesundes Allel zum Ausgleich. Die Weitergabe läuft über gesunde Konduktorinnen. Ein betroffener Vater gibt sein X an alle Töchter (die dadurch sicher Konduktorinnen werden), aber an keinen Sohn - eine Vater-zu-Sohn-Vererbung schließt einen X-chromosomalen Erbgang also aus. Typische Beispiele sind Hämophilie A und die Rot-Grün-Schwäche.
Seltener ist der X-chromosomal-dominante Erbgang, bei dem ein betroffener Vater das Merkmal an alle Töchter und an keinen Sohn weitergibt. Zentral für jede Analyse ist der Begriff des Konduktors (Trägers): heterozygot, phänotypisch gesund, gibt das rezessive Allel aber weiter. Konduktoren korrekt zu erkennen ist die Grundlage jeder Risikoabschätzung - und ein Träger ist nie „halb krank", sondern vollständig gesund.
In der Praxis berechnet die humangenetische Beratung daraus konkrete Wahrscheinlichkeiten für Nachkommen. Dazu kombiniert man das Punnett-Quadrat (Genotypen der möglichen Kinder) mit der Produktregel für aufeinanderfolgende unabhängige Ereignisse - etwa „Konduktorin sein" UND „das kranke Allel weitergeben". So wird aus dem qualitativen Stammbaum eine quantitative Vorhersage, wie das folgende Beispiel zeigt.

Vokabeln

→ Kartei
  • StammbaumGrafische Darstellung der Vererbung über Generationen.
  • autosomalAuf einem nicht geschlechtsbestimmenden Chromosom.
  • gonosomalAuf einem Geschlechtschromosom.
  • KonduktorHeterozygote Überträgerin ohne eigene Erkrankung.
  • PenetranzAnteil der Träger, die das Merkmal zeigen.
  • PrüfkreuzungKreuzung zur Bestimmung eines unbekannten Genotyps.
Musterbeispiel

Stammbaum - Erkrankungsrisiko berechnen

Hämophilie A wird X-chromosomal-rezessiv vererbt. Eine gesunde Frau, deren Vater Bluter war, bekommt mit einem gesunden Mann Kinder. Mit welcher Wahrscheinlichkeit ist ein Sohn betroffen?

  1. 01Genotyp der Mutter

    Ihr Vater war XhYX^{h}YXhY und gab sein einziges X-Chromosom an die Tochter weiter - sie ist daher sicher Konduktorin XHXhX^{H}X^{h}XHXh.

  2. 02Genotyp des Vaters

    Der gesunde Mann ist XHYX^{H}YXHY.

  3. 03Kreuzung aufstellen

    Söhne erhalten das Y vom Vater und je zur Hälfte XHX^{H}XH oder XhX^{h}Xh von der Mutter.

  4. 04Wahrscheinlichkeit ablesen

    Söhne: 12 XHY\tfrac{1}{2}\,X^{H}Y21​XHY (gesund) und 12 XhY\tfrac{1}{2}\,X^{h}Y21​XhY (Bluter).

Ergebnis: Die Hälfte der Söhne ist betroffen (50 %). Töchter erkranken nie, sind aber zu 50 % erneut Konduktorinnen - genau dieses Muster (nur Männer betroffen, Weitergabe über gesunde Frauen) verrät den X-chromosomal-rezessiven Erbgang.

Schritt-für-Schritt Erklärung2 Schritte
  1. 1

    Ein Stammbaum ist ein Rätsel - das Vererbungsmuster verrät, wo das Gen sitzt.

    Stammbaum - X-chromosomal-rezessiver Erbgang

    X-chromosomal-rezessiver ErbgangStammbaum mit 5 Personen, I1, I2, II1 (betroffen), II2, II3
    Abb.Ein betroffener Sohn (gefüllt) gesunder Eltern; die Mutter ist Konduktorin - typisch für X-chromosomal-rezessive Merkmale wie Hämophilie.
  2. 2

    Springt ein Merkmal Generationen und trifft beide Geschlechter gleich? Dann autosomal-rezessiv.

SRDP-Aufgaben

SelbsttestAus der Fragenbank4.5 Punkte

Aufgabenstellung

In einem Stammbaum sind ausschließlich Männer betroffen; ein gesundes Elternpaar hat einen betroffenen Sohn. Bestimme den wahrscheinlichsten Erbgang und begründe deine Entscheidung.

Maturafokus

  • Prüfe systematisch: dominant oder rezessiv, autosomal oder gonosomal.
  • Nutze den Schlüsselfall: Betroffene Kinder gesunder Eltern zeigen einen rezessiven Erbgang.
  • Achte auf die Geschlechterverteilung als Hinweis auf X-Chromosomale Vererbung.
  • Bestimme Genotypen und markiere sichere von möglichen Zuordnungen.
  • Berechne Wahrscheinlichkeiten für Nachkommen mit einem Kreuzungsschema.

Typische Fehler

  • Der Erbgang wird geraten statt systematisch geprüft.
  • Autosomal und gonosomal werden vermengt.
  • Sichere und mögliche Genotypen werden nicht unterschieden.
  • Die Geschlechterverteilung bleibt unbeachtet.
  • Eine Wahrscheinlichkeit wird als Gewissheit für das einzelne Kind gedeutet.

§ 06

Aktive Wiederholung

Analysiere einen vorgegebenen Stammbaum und begründe anhand von Generationssprung und Geschlechterverteilung, ob ein autosomal- oder X-chromosomal-rezessiver Erbgang vorliegt.

Passende Aufgaben üben50 Fragen zum Thema→

Aktiv abrufen

Erinnere dich an die Kernpunkte — dann aufdecken.

Stand 06/2026 · Vollständige Fassung über den Tiefenregler — gleiche Stelle, gleiche Anker

Inhalt

Abschnitt -- / 06

    • 01DNA-Struktur und Replikation◐
    • 02Genexpression - Transkription, Translation, genetischer Code◐
    • 03Mendelsche Regeln und Erbgänge◐
    • 04Mutationen, PCR, CRISPR und Bioethik●
    • 05Genregulation und Epigenetik●
    • 06Stammbaumanalyse und Erbgänge◐

0/6 Gelesen

Aus den Notizen ins Training

Genetik und Molekulargenetik (BIO-Gen)

Festige dieses Thema an passenden Aufgaben aus der Fragenbank.

~23
Min
4
Kompetenzen
50
Fragen
Üben
Beispielfrage

Beschreibe die DNA-Replikation und erkläre, warum sie als "semikonservativ" bezeichnet wird.

5 BE · 2022

Zur Fragenbank
Wiederholung planen

Belege & Quellen

Quellen

Nature

  • Watson J D, Crick F H C (1953) Nature 171:737-738
  • Nature - CRISPR Sickle Cell Therapy 2023

Nobel Foundation

  • Nirenberg M (1961) - Genetic Code deciphered

NIH / Johns Hopkins

  • OMIM - Online Mendelian Inheritance in Man

Science

  • Doudna J A, Charpentier E (2014) Science 346:1258096

Siehe auch

  • Zell- und Molekularbiologie (BIO-Zell)Mitose und Meiose sind die zellulären Vorgänge hinter den Mendelschen Regeln.
  • Evolution (BIO-Evo)Mutation und Rekombination liefern das Material, an dem die Selektion ansetzt.
  • Umweltkunde und Bioethik (BIO-Umw)Genome Editing ist der Fall, an dem sich die bioethische Argumentation prüfen lässt.

Vorheriges Thema

Biochemie und Stoffwechsel (BIO-Bio)

Nächstes Thema

Evolution (BIO-Evo)

EuraStudy·Notizen T·03·MMXXVI

Weiter mit dem nächsten Thema — der Lernpfad bleibt erhalten.